Von Georg Jappe

Jede Zeit hat ihre unverwechselbare Sentimentalität. Eine allgemeine Stimmungslage, die Art, zu sprechen und sich zu bewegen, die Einstellung zur Mode im weitesten Sinne, von Frisur und Schminke bis zu Möbeln und Bildern, vor allem aber die Façon, wie man Gefühlen Ausdruck gibt – dieses sentimentalische Syndrom, das man Zeitgefühl nennen könnte in Analogie zu Zeitgeist, verschiebt sich ziemlich genau alle sieben Jahre. Man beginne beim Jahr 1898 und fasse die Nazi-Zeit als eine (retardierende) Periode zusammen, man wird an Hand alter Filme, Schlager, Photographien, Wohneinrichtungen, Typographien, Aufnahmen berühmter Schauspieler feststellen können, daß sich Zeitgefühl und Ästhetik des "common sense in Jahrsiebenten abspielen, weit eher als in Jahrzehnten.

Die spezifische Sentimentalität unserer jetzigen Periode (die nach dieser Rechnung bis 1980 ginge) spricht einen unmittelbar an aus dem neuen Buch von –

Wolf Wondratsehek: "Das leise Lachen am Ohr eines andern – Gedichte/Lieder II"; Vertrieb Zweitausendeins, Frankfurt, 1976; 81 S., 8,90 DM.

Unter der Überschrift "Endstation" erzählt Wondratsehek (er erzählt fast immer eine kleine Story) von einer langweiligen Busfahrt: "Vor mir kümmerte sich ein Mädchen um ihren Kerl / und weil ich nichts zu tun hatte, schaute ich zu / wie sie an seinem Hals hing und manchmal nach hinten / schaute zu mir, der nach vorne schaute zu ihr." Die Busfahrt geht weiter: "Irgendwann stieg ich aus, ging nach Hause / und dachte / ‚Es gibt nichts, was einen Mann einsamer macht / als das leise Lachen am Ohr eines andern‘."

Eine empfindsame Melancholie, immer bereit, die Fühler einzuziehen oder kleine kaputte Privatsituationen vorzuschieben wie Versatzstücke, wie Masken; ein Swinging, schlaksig-formlos oder mit alten Formen jonglierend, mit Bewunderung für Muhammad Ali und Bob Dylan und einer hemmungslosen Nostalgie nach dem wilden Rock ’n’ Roll von einst ("oh Mann, glaub’s oder glaub’s nicht, / spuck den Kaugummi raus, / die Show ist aus"). Lieder auf englisch für eine Rock-Gruppe beschließen den Band.

Dazu der Slang, die labile Sentimentalität, wechselnd zwischen aggressiver Wehmut (im Nachruf auf Brinkmann), Allergie gegen Glücksfabriken und hoffnungslosem Schlagerkitsch ("Wenn ich sterbe, / ist es Liebe"), und warum nicht, was sollen Qualitätsunterschiede, "leg dich wieder hin, laß dir Zeit, / nichts ist wirklich wichtig" – all das verbreitet eine Atmosphäre jungenhafter Authentizität, gibt dem Flair von under- beziehungsweise middleground geradezu Charme (eine Eigenschaft, die viele Leser sicher nicht mit diesem Milieu assoziieren).