Von François Bondy

Um 1970 mochte Eugenio Montale als ein großer Überlebender gelten, dessen bleibende Wirkung auf einen Gedichtzyklus von 1925, "Tintenfischknochen", zurückging, und der seither, vor allem nach dem Krieg, mit einigen Gedichtbänden, mit Erzählungen, Reiseeindrücken, mit Kulturjournalismus – er war viele Jahre Redakteur und Musikkritiker am "Corriere della Sera" –, auch mit Übersetzungen hervortrat. Montales streng selbstverständliche Ablehnung des Faschismus hatte zur hohen Achtung, die er genoß, beigetragen, man wußte auch zu schätzen, daß er als erster Italo Svevos Bedeutung erkannt hatte, wovon der vollständig erschienene Briefwechsel (Verlag Mondadori, 1976) bewegendes Zeugnis gibt. Da war also ein großer alter Mann, der seine Privatheit hütete, aber auch zu sarkastischem Humor fähig war.

Mit dem Erscheinen von "Satura" (1971), der Verbindung von zwei früher in kleiner Auflage veröffentlichten Zyklen, wurde Montale plötzlich zum Bestseller-Autor der Lyrik, mit Auflagen weit über 40 000; mit den folgenden Tagebuchgedichten "Diario 1971" und "1972" hielt sich dieser Erfolg. Seither sind Gedichtzyklen in Zeitschriften wie "Almanacco dello Specchio" erschienen. Neuerdings werden Bücher und viele Essays dem jetzt so gegenwärtigen Dichter gewidmet. Der Nobelpreis hat 1975 nicht einen Halbvergessenen gekrönt, dessen eigentliche Leistung ein halbes Jahrhundert zurücklag – wie das etwa "Der Spiegel" den Juroren von der Höhe seiner Uninformiertheit vorhielt –, sondern einen in voller Produktivität stehenden, in die Weite wirkenden Dichter. In dem Neunundsiebzigjährigen, der er damals war, der im Herzen des alten Mailand lebt, mit einem Finger Gedichte tippt und umgeben ist von Meisterwerken Morandis, de Chiricos, neben denen seine eigenen Bilder nicht abfallen (der Maler Montale ist zu entdecken), sahen und sehen die jungen Italiener einen Zeitgenossen. Die Veröffentlichungen seit 1971 sind wohl umfangreicher als die des halben Jahrhunderts zuvor. Eine willkommene Auswahl der Gedichte aus dieser neuen Schaffensperiode ist jetzt in einer zweisprachigen Auswahl erschienen –

Eugenio Montale: "Satura/Diario – Aus den späten Zyklen", italienisch/deutsch, aus dem Italienischen von Michael Marschall von Bieberstein; Piper Verlag, München, 1976; 190 S., 24,– DM.

Zweisprachig sollte bei Übersetzung von Lyrik die: Regel sein. Wer eine romanische Sprache liest, wird hier auf den Originaltext blicken Es bedarf allerdings des Vergleichs nicht, um auf Seite 19 den "Raum meiner Brissago-Zigarre" als den "Rauch" richtigzustellen, vielleicht nicht einmal, um "unabweisbare Druckfehler" als "unaustilgbare Druckfehler" zu lesen, eher schon um zu merken, daß der typische Gedichtabschluß in einer Einwortzeile nicht immer respektiert wurde (Seite 111).

Schwer übertragbar ist Montales Kunst, in einer silbenreichen Sprache von rhetorischer Tradition die Mittel prosaischer Ironie zu verwenden, weil der Kontrast zu den Gewohnheiten Teil des Reizes ist. Montale, der einst als Hermetiker, als schwer zugänglicher Dichter galt, flicht jetzt Aperçus ein, Scherze, Erinnerungen, auch moralische Axiome. Das ist Dichtung, die auch als "Aussage", als Mitteilung gelesen werden kann, so in den Erinnerungen an die Gattin "Mosca", ihre extreme Kurzsichtigkeit, und an einen Traum, in dem ein Würmchen lebend von der Bettdecke geräumt wird, nicht gewichtiger als "Mosca" – die Fliege.

Zustimmend zitiert der Übersetzer im Nachwort Montale: "Dichtung unterscheidet, sich von Prosa, weil sie auf nichts anderes als auf sich selbst verweist." Für diese späten Zyklen trifft das aber keineswegs zu. Sie verweisen im Gegenteil auf Wirklichkeiten, auf Erfahrungen jenseits der Sprachwelt – wenngleich anders als Prosa. So ist ein Gedicht "An Bobi" dem Gedenken an Roberto Bazlen gewidmet, dem Freund und großen literarischen Anreger aus Triest, der in der deutschen Sprache mehr "Stimmung" fand – das deutsche Wort steht in Montales Gedicht – als in der italienischen. Mit einer Anmerkung, die Bazlen identifiziert hätte, wäre dem Leser gedient gewesen.