Von Wolfgang Hoff mann

Als sich in der vergangenen Woche die vier Präsidenten der Oberpostdirektionen trafen, in deren Region Postminister Kurt Gscheidle ein Jahr lang zur Probe im Acht-Minuten-Takt telephonieren läßt, schrieben einige Zeitungen nach dem Treff, Gscheidles neumodischer Zeittakt für das Ortsgespräch sei nun beschlossene Sache. Ein Sprecher der Post dementiert jedoch: "Das ist blanker Unsinn."

Ob Ortsgespräche in der Bundesrepublik künftig ähnlich wie Ferngespräche nur noch im Zeittaktverfahren möglich sind, wird sich erst im Frühjahr des nächsten Jahres herausstellen. Dann nämlich sind die ein Jahr laufenden Modellversuche in den sechs ausgewählten Regionen abgeschlossen und die Ergebnisse ausgewertet. Was die Oberpostpräsiden diskutierten, betraf nicht die Zukunft des Ortsgesprächs im Bundesgebiet, es betraf lediglich die notwendig gewordene und nun abgeschlossene Telephonumstellung in den Versuchsgebieten.

Bei dem Treff kam zur Sprache, daß nach den ersten Takterfahrungen noch keine Klagen der Telephonkundschaft gekommen sind. In Regens-’ burg, einer der sechs Regionen, in denen Gscheidle die Gebühr für ein Ortsgespräch auf acht Minuten begrenzte, hat sich die Bevölkerung rasch auf das neue Telephonzeitalter eingestellt: Sämtliche Eieruhren eines Regensburger Kaufhauses waren binnen kurzem ausverkauft. Die Regensburger hatten eine neue Verwendungsmöglichkeit entdeckt: Zweimal vier Minuten Eieruhr ergibt nicht nur ein hartgekochtes Ei, sondern auch den Hinweis, daß die Acht-Minuten-Einheit fürs Ortsgespräch abgelaufen ist.

Anlaß für die Versuchsaktion ist nach Beteuerungen der Post keineswegs die dem Minister oft unterstellte Gewinnsucht. Gscheidle will mit dem Zeittakt im Telephonortsnetz nicht mehr Geld aus seinen Kunden herauspressen, er will "mehr Kosten- und Tarifgerechtigkeit".

Während überall in der Bundesrepublik Städte und Randgemeinden zu neuen kommunalen Einheiten zusammengewachsen sind, konnte die Post mit ihren Ortsnetzen nicht mithalten. Die Folge war: In vielen Gemeinden wurden Ortsgespräche mit zweierlei Maß gemessen – die einen telephonierten wie eh und je innerhalb ihres Ortes zeitlich unbegrenzt für 23 Pfennig, die per Eingemeindung hinzugekommenen Neubürger mußten hingegen soviel wie früher zahlen, nämlich die Gebühr fürs Ferngespräch in den Nachbarort.

Nach langem Nachdenken über mögliche Abhilfe kam Postminister Kurt Gscheidle ausgerechnet wenige Monate vor der Bundestagswahl im vergangenen Jahr mit seiner neuen Idee vom Nahdienst mit Zeittakt. Die Ortsnetze sollten zwar größer werden, die Gesprächsdauer aber kürzer: Für 23 Pfennig wollte Gscheidle schon nach vier Minuten das erste "klick". Ein Zwölf-Minuten-Gespräch im Ortsnetz hätte mithin dreimal 23, also 69 Pfennig gekostet. Unter dem massiven Druck öffentlicher Proteste zog Gscheidle den Vorschlag schnell zurück. Das Vier-Minuten-Ei kam vom Tisch.