Die Auslandsvertretungen der Bundesrepublik wollen sich in Zukunft mehr um. deutsche Touristen kümmern

Wenn die Beamten in den deutschen Auslandsvertretungen an die bevorstehende Reisesaison denken, überkommt sie offenbar schon jetzt das kalte Grausen. Der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Klaus Terfloth, berichtete in der letzten Woche in Bonn von der Arbeitslawine, die alljährlich die 110 deutschen Botschaften, 80 Berufs- und 230 Honorarkonsulate überrolle. In der Tat ist der Strom deutscher Auslandsurlauber und mit ihm die Zahl der in Not geratenen Touristen in den letzten Jahren so kräftig angeschwollen, daß sich viele Auslandsvertretungen überfordert fühlen.

Terfloth nannte Beispiele. So hätten die Vertretungen in Madrid, Barcelona und Bilbao im Jahre 1975 über 33 000 Besucher gezählt, in Belgrad und Zagreb seien es ebenfalls 33 000 gewesen und in Rabat, Casablanca und Tanger 12 000 Besucher. Was für Besucher? Erst nach eingehender Befragung stellte sich freilich heraus, daß hier nicht die Statistik der "touristischen Besucher", also der in irgendeiner Form gestrandeten Urlauber präsentiert worden war, sondern die Gesamtstatistik aller Besucher in den jeweiligen Vertretungen, als da sind Einheimische, die Visa beantragen, Auslandsdeutsche, Geschäftsleute, Rentner, die im Ausland leben und auch Touristen. Sortiert man touristische Fälle heraus, verändert sich das Bild beträchtlich. So haben die Vertretungen in Madrid, Barcelona und Bilbao im Jahre 1975 rund 1200 Strafsachen zu bearbeiten gehabt, und in rund 1000 Fällen mußte Touristen wirtschaftliche Hilfe geleistet werden. Insgesamt haben alle deutschen Auslandsvertretungen im Jahre 1975 bei 7000 sogenannten "Heimschaffungen" mitgewirkt, also mittellosen Urlaubern ein Darlehen für die Heimreise gewährt, rund 1100 Urlauber starben im gleichen Zeitraum bei Auslandsreisen, jeder fünfte durch Unfall.

Die Presseerklärung des Auswärtigen Amtes kam nicht von ungefähr. In den letzten Wochen und Monaten hatte es wieder einmal herbe Kritik von verschiedenen Seiten an der mangelhaften Betreuung deutscher Urlauber im Ausland gegeben (siehe auch ZEIT Nr. 43/1976 und Nr. 12/1977). Bei den Streitigkeiten zwischen Tansania und Kenia im Februar saßen viele deutsche Urlauber mehrere Tage in Kenia fest, unter ihnen der Hamburger Bürgerschaftsabgeordnete Gerd Weiland (SPD), der seinem Unmut in der Presse Luft machte. Erbitterung herrschte unter den deutschen Touristen vor allem deshalb, weil sich kein deutscher Konsulatsbeamter bei ihnen sehen gelassen hatte.

Zwei Dienstaufsichtsbeschwerden gegen die Deutsche Botschaft in Dar-es-Salaam laufen noch. Aber im Auswärtigen Amt weiß man schon heute, daß die Deutsche Botschaft in Tansania keine Schuld trifft: "Man habe den deutschen Touristen nur nicht deutlich gemacht, daß ihnen bereits geholfen werde." –

Es hat den Anschein, daß die Animositäten der Touristen auf Gegenseitigkeit beruhen. Auch im Auswärtigen Dienst werden teilweise keine sehr großen Sympathien für deutsche Urlauber gehegt. Vor allem von den Gruppenreisenden macht man sich wohl ein eher klischeehaftes Bild: "Sie sind nicht in der Lage, sich selbst zu helfen; sie haben meistens auch gar kein Geld."

Nun können viele Auslandsvertretungen tatsächlich auch von haarsträubenden Fällen berichten, in denen es die Touristen sich selbst zuzuschreiben hatten, daß sie in Schwierigkeiten gerieten: Meistens waren das Verletzungen der Ein- und Ausreisebestimmungen, Zollvergehen, Verkehrs- und Rauschgiftdelikte, illegale Ausfuhr von Antikem oder unerlaubtes Photographieren von militärischen Objekten.