Hans-Georg Rauch: "Schlachtlinien". "Rauchzeichen", das erste Buch, das der Zeichner Hans-Georg Rauch vor acht Jahren veröffentlichte, boten dem deutungssüchtigen Leser zwar auch schon keine Unterschriften und Kommentare, aber immerhin ein hilfreiches Nachwort. Zu den "Doppelflinten", dem vorletzten Rauch-Buch, hatte Gabriel Laub die Texte beigesteuert. Die jetzt erschienenen "Schlachtlinien" haben Wort und Wörter eliminiert: Rauch vertraut seinem eigenen Medium, der Linie, ihrer Schlag- und Aussagekraft, um etwas Widerwärtiges und Grundübles der Menschheitsgeschichte aufzuzeichnen und aufzuzeigen, die Schlachtlinien, die sich als roter Faden, als tödliche Linien durch die Jahrtausende ziehen. Sie formieren sich zur Reiterschlacht auf dem griechischen; Tempelrelief, zu friderizianischen oder napoleonischen Kriegszügen, zu Exekutionen, Massengräbern, Leichenhaufen, Bombengeschwadern. Daß die Schlachten auf dem Papier mit Zierlichkeit geschlagen und das Schreckliche sich als graziöses Lineament ereignet, eben diese Diskrepanz zwischen Form und Gehalt bewirkt den Schock, die Betroffenheit. Die Schlachtlinien denunzieren den Aberwitz des Krieges durch aberwitziges Zeichnen. Streichhölzer werden zu Soldaten, die darauf warten, abgebrannt zu werden. Hinter dem Gesicht hochdekorierter Schlachtenlenker, Schlächter, wird sichtbar die Visage des Affen. Bilder ohne Worte, Karikaturen, mit Vorsicht zu genießen: Hier wird scharf geschossen – mit Spatzen auf Kanonen. (Rowohlt Verlag, Reinbek, 1977; 80 S., 18,50 DM). G. S.