Weil die Ärzte weniger verordneten, erlitt die Pharma-Branche erstmals Umsatzeinbußen

Schnellrechner unter den 13 000 deutschen Apothekern waren Anfang März die ersten, die ungläubig den Umsatz des gerade abgelaufenen Monats Februar wieder und wieder nachrechneten, weil sie es zunächst nicht wahrhaben wollten. Manager im Arzneigroßhandel und schließlich in der deutschen Pharmaindustrie rieben sich ebenfalls verwundert die Augen, als sie ihre Verkaufsstatistiken für den zweiten Monat dieses Jahres aufschlugen. Denn die Vergleichszahlen zum Jahr vorher wurden verunziert durch etwas, das viele der Medikamentenverkäufer nie zuvor in der Nachkriegszeit gesehen hatten: Minuszeichen. Der Öffentlichkeit mochten sie dennoch bisher von der überraschenden Entdeckung keine Mitteilung machen.

Trotz zahlreicher Preissteigerungen zum Jahresbeginn und dem pünktlich eingetroffenen Bundesgenossen Schnupfen, Husten & Co hat die deutsche Pharmaindustrie – Jahresumsatz 1976 knapp zwölf Milliarden Mark – erstmals einen absoluten Umsatzschwund hinnehmen müssen. Auf "ein Prozent gegenüber demselben Monat des Vorjahres" beziffert auf Befragen Klaus Dietrich, Chef der deutschen Hoffmann-La-Roche-Tochter in Grenzach, dieses überraschende Februar-Defizit für die gesamte Branche. Wie unvermittelt der Absturz aus angestammten Wachstumsgefilden in die ungewohnte Minuszone kam, demonstriert Dietrich am Januar-Ergebnis: plus sieben Prozent bei allen Herstellern zusammen.

Daß der Februar 1977 "ungewöhnlich schlecht" (Werner Harders, Vorstandsmitglied des Pharma-Grossisten Reichelt AG) gelaufen ist, darüber wird seit Wochen in den Chefetagen der Pharma-Konzerne debattiert – freilich bisher nur hinter verschlossenen Türen. Die Industrie scheute sich bislang, den Einbruch einzugestehen, weil "Unruhe in der Belegschaft" vermieden. werden sollte. Offenbar hofft man auf bessere Zeiten. Auch der Großhandel traute sich bisher nicht, konkrete Zahlen auf den Tisch zu legen: Der übliche Zahlentausch mit den Konkurrenten – zur Ortung der eigenen Position – ist erst in der nächsten Woche abgeschlossen.

Mit Gründen für den schlechten Geschäftsgang halten dagegen weder Handel noch Industrie hinter dem Berg. Der Zusammenhang ist deutlich genug: Die seit Anfang dieses Jahres immer heißer laufende Diskussion um die überbordenden Kosten im Gesundheitswesen, der Druck auf die Ärzte, weniger und ökonomischer als in der Vergangenheit zu verschreiben, hatte im Februar mit Streiks und Kundgebungen seinen bisherigen Höhepunkt erreicht.

"In einer irrationalen Trotzreaktion", aber auch "weil sie Angst um ihre Einkommen bekamen", heißt es in der Pillenbranche, hätten die 50 000 Kassenärzte im Februar plötzlich den Rückwärtsgang eingelegt und ihren Patienten die scheinbar kostenlose Medizin auf Kassenkosten öfter einmal verweigert. Geschäftsführer Hans-Dieter Wendt vom Apotheker-Verband spricht vom "Pauschalschock der Ärzte", der dazu geführt hat, daß das neue Gesetz Wirkung zeigt, ehe es verabschiedet ist. Arbeitsminister Ehrenberg nämlich koppelte in seinem Entwurf für ein Kostendämpfungsgesetz Arzneiverordnungen und Honorarvolumen der Kassenärzte so, daß künftig zu großzügige Verschreibungen automatisch Honorarkürzungen bei den Ärzten zur Folge haben sollen.

Die Schockwirkung traf die Hersteller unterschiedlich. Der deutsche Statthalter des Schweizer Pharma-Riesen Hoffmann La Roche ("Valium", "Librium"), der seine Preise zu Beginn des Jahres "im Mittel um weniger als zwei Prozent" angehoben hat, will die genauen Hoffroche-Umsatzeinbußen in der Bundesrepublik nicht nennen. "Wir liegen", meint Dietrich nur, "etwas schlechter als der Durchschnitt." Doch selbst solche Eingeständnisse fallen manchem deutschen Großhersteller von Pillen, Pulvern und Ampullen vorerst schwer: Bayer ("dazu ist es noch zu früh") und Merk in Darmstadt ("kein offizieller Kommentar") haben, so scheint’s, den Absatzeinbruch noch nicht bewältigt.