Wenn man davon ausgeht, daß Literatur entweder ein Stück der Entwicklung eines Menschen folgt und seine Geschichte erzählt oder den Kampf zweier Prinzipien beschreibt, so sind die Phantastischen Geschichten von Clive Staples Lewis, die im sagenhaften Königreich Narnia spielen, Musterexemplare der zweiten Gruppe. Der Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen der Weißen Hexe, die das kleine Land voll heiterer klassischer Nymphen, Zentauren und Faune im kalten Bann des ewigen Winters hält, und dem strahlenden weisen Löwenkönig Aslan tobt in archäischer Direktheit, wird durch Verrat fast verloren, durch Treue, Beständigkeit und Opfermut entschieden und vor allem durch die Anwesenheit von vier Geschwistern, die in Narnias Schnee hineingeraten sind, durch einen Wandschrank im alten Zauberhaus eines kauzigen Professors.

Lewis, der die erste der Narnia-Geschichten 1950 veröffentlicht hat, ist bei uns erstaunlicherweise fast unbekannt geblieben. Nur zwei oder drei der insgesamt sieben Narnia-Chroniken sind vor Jahren erschienen, und der erste Band ist in der gleichen Übersetzung, aber ausgestattet mit den hervorragenden und im Hintergründigen wie im Komischen kongenialen Illustrationen von Rolf Rettich wieder aufgelegt worden –

C. S. Lewis: "Der König von Narnia", aus dem Englischen von Lisa Tetzner; Betz Verlag, München; 143 S., 12,80 DM.

Lewis, der Professor in Cambridge, Autor von theologischen Büchern (über die Versuchung) und Science-fiction-Romanen war und 1963 gestorben ist, liebte die Bücher von E. Nesbit und "Gullivers Reisen". Er hat von der Nesbit gelernt, wie man mit Hilfe von Geschwistern Phantastisches kindergerecht macht, und von Swift, wie man die Abenteuer der Phantasie durch die Vielschichtigkeit von Geschehen und Gestalten zu einem Spiegel des Lebens selbst erhöhen kann. Der Verlag plant, im Lauf der Zeit alle Narnia-Geschichten zu bringen: ein absoluter Gewinn für die Kinder und die deutsche Kinder-Literatur.

Sybil Gräfin Schönfeld