Die Pariser Börse hat schlimme Tage hinter sich. Nach dem gewaltigen Linksruck Bei den französischen Gemeindewahlen purzelten die Aktienkurse, daß den Börsianern Hören und Sehen verging. Gesuchte Wachstumspapiere verloren innerhalb weniger Tage bis zu dreißig Prozent an Wert, der offizielle Kursindex fiel in der Woche nach den Wahlen um sieben Prozent.

Mit allgemeiner Unlust, einer Flucht ins Gold oder mit Geldknappheit läßt sich dieser Kursrutsch nicht erklären. Auslöser waren ganz eindeutig das Wahlergebnis und die wachsende Gewißheit, daß Sozialisten und Kommunisten in einem Jahr auch die Parlamentswahlen gewinnen können. Banken, große und kleine Kapitalisten, Spekulanten aller Schattierungen wissen, daß sie damit schwierigeren Zeiten entgegensehen.

Doch in Frankreich, wo bereits de Gaulle große Teile der Wirtschaft verstaatlichte, reicht die Aussicht auf neuerliche Nationalisierung nicht aus, um ein Börsendebakel zu provozieren. Viel schwerer wiegt, daß niemand genau weiß, wie die Wirtschaftspolitik einer linken Regierung aussehen würde. Zu vielen zentralen Fragen hat die sozialistische und kommunistische Opposition bisher lediglich vage Vorschläge präsentiert, die sich oft widersprechen oder kaum praktikabel sind.

Ein Beispiel für diese Ungewißheit: Im Regierungsprogramm der Linken werden viele soziale Versprechungen gemacht, doch über die Kosten schweigt man sich genauso aus wie über ihre Finanzierung. Niemand wagt es, das Wort Steuererhöhung auszusprechen. Niemand will aber auch Auskunft geben, wo eine linke Regierung Mittel einsparen könnte, um sie im Sinne ihres Programms auszugeben. Kein Wunder, daß auch besonnene Leute bei einem Wahlsieg der Opposition einen gewaltigen Inflationsstoß vorhersagen.

Die Liste der Beispiele ließe sich beträchtlich verlängern. Die Diskussion um die Entschädigung verstaatlichter Unternehmen etwa zeigt, wie tief die Meinungsverschiedenheiten unter den Verbündeten noch sind. Den Arbeitern wird die Selbstverwaltung in den Betrieben versprochen, ohne daß jemand verbindlich sagen könnte, wie sie aussehen soll. Ausländern wird der volle Schutz ihrer Investitionen zugesagt obwohl die Linken seit Jahren Investitionskontrollen fordern.

Vor einer Unbekannten aber hat die französische Wirtschaft besondere Angst: vor dem politischen Engagement der Gewerkschaften. Sie haben sich eindeutig zugunsten eines Machtwechsels ausgesprochen und tun alles, um ihn zu erleichtern. Würden sie stillhalten, wenn die Linke nicht gewinnt? Würden sie sich kompromißbereit zeigen, wenn das linke Bündnis Erfolg hat? Oder würden sie gerade dann die Arbeiter zur Durchsetzung von Maximalforderungen auf die Straße schicken? Kein Gewerkschaftsführer hat sich bisher auf eine Antwort festlegen lassen. Man weiß nur eines von ihnen: Sie halten nichts von politischer Abstinenz.

Die Börse hat auf diese Ungewißheit eindeutig reagiert: mit Unlust und Kursstürzen. Das ist an sich noch keine Katastrophe. In Paris zitiert man gern einen Ausspruch de Gaulles, nach dem die Politik Frankreichs nicht an der Börse gemacht wird; Es wäre in der Tat unsinnig, Aktienkurse zum Kriterium für oder gegen einen Regierungswechsel zu machen. Doch sie sind ein Signal, das zeigt, wie verunsichert Frankreichs Wirtschaft auf eine politische Alternative reagiert, deren Konturen noch völlig verschwommen sind.