Wegen einer lästigen Schwerhörigkeit auf dem rechten Ohr ging ein Mann zum Ohrenarzt. Dieser schlug ihm eine Operation vor. Allerdings, so sagte er seinem Patienten, könne er erst nach Beginn der Operation feststellen, ob überhaupt eine Verbesserung der Hörfähigkeit zu erreichen sei; unter Umständen sei auch eine Verschlimmerung möglich. Der Schwerhörige war gleichwohl einverstanden. Im Verlauf der Operation stellte der Arzt den seltenen Fall einer angeborenen Mißbildung fest, durch die die Operation komplizierter und riskanter wurde. Dennoch operierte er weiter. Dabei durchtrennte er den – infolge der Mißbildung atypisch verlaufenden – Gesichtsnerv; eine dauernde halbseitige Gesichtslähmung des Patienten war die Folge.

Schadenersatz

Daß Operationen nicht immer so ausgehen, wie der Patient es erhofft hat, ist kein Geheimnis, nicht einmal eine Seltenheit. Ärzte sind keine Maschinen, die stets den Erfolg ihrer Behandlung garantieren können. Beim Patienten selbst aber bleibt oft der bohrende Zweifel, ob nicht der Arzt etwas falsch gemacht hat. Es gibt genug haarsträubende Schauergeschichten, die – im Bekanntenkreis immer wieder erzählt – einen solchen Verdacht berechtigt erscheinen lassen.

Ärztliche Kunstfehler (so der juristische Fachausdruck) verpflichten den Arzt zum Schadenersatz. Jedoch muß der Patient dem Arzt den Kunstfehler nachweisen. Das ist für den Patienten, der meist kein Mediziner ist, nicht einfach. Weil auch der Richter den ärztlichen Fehler nicht selbst feststellen kann, wird vom Gericht fast immer ein medizinisches Gutachten angefordert. Der Bundesgerichtshof hat dazu schon vor einigen Jahren festgestellt, "daß auch heute noch eine nicht geringe Zahl medizinischer (Gutachter Schwierigkeiten hat, sich bei der Ausübung ihres Amtes von überholten und in diesem Zusammenhang der Rechtsordnung widersprechenden Standesregeln frei zu machen". Zu deutsch: Voreingenommenheit zugunsten des ärztlichen Kollegen erschwert oder verhindert nicht selten den Nachweis des ärztlichen Künstfehlers.

Neuerdings gehen enttäuschte Patienten dazu über, dem Arzt nicht einen Kunstfehler vorzuwerfen, sondern eine Verletzung der ärztlichen Aufklärungspflicht. Auch die ungenügende Aufklärung über mögliche Risiken und Komplikationen einer Behandlung verpflichten nämlich den Arzt zum Schadenersatz. Ein solcher Prozeß ist zudem für den geschädigten Patienten leichter zu führen als ein Kunstfehlerprozeß, weil nicht er dem Arzt den Kunstfehler nachweisen, sondern, umgekehrt, der Arzt seine vollständige oder doch ausreichende Aufklärung über das Behandlungsrisiko belegen muß.

In einer Reihe von Urteilen hat der Bundesgerichtshof Umfang und Grenzen dieser Aufklärungspflicht abgesteckt. Der Arzt muß dem Patienten im großen und ganzen sagen, wie es um ihn steht, was bei der Behandlung geschehen soll, welches die möglichen Heilungserfolge und welches die Risiken sind. Dabei muß er auch auf Risiken hinweisen, "die nicht ganz außerhalb der Wahrscheinlichkeit" liegen. Auch "entfernt seltene" Risiken müssen um so eher genannt werden, "je weniger der mit dem Eingriff bezweckte Erfolg einem verständigen Patienten dringlich und geboten erscheinen muß". So muß zum Beispiel bei einer nur aus kosmetischen Gründen vorgenommenen Entfernung von Warzen durch Röntgenstrahlen auf mögliche, wenn auch seltene schädliche Nebenwirkungen hingewiesen werden.

Schmerzensgeld