Es ist leichter, sechs Millionen für ein Bürgerhaus, 600 Tausend für einen neuen Sportplatz, 60 Tausend für eine nutzlose Friedhofshalle, als 600 Mark für Buchanschaffungen zu bekommen ... Die Kulturfeindlichkeit unserer Landespolitiker ist ungebrochen, Neue Prioritäten in den öffentlichen Haushalten sind nicht in Sicht. Bibliothekare und Autoren haben keine Lobby in Bund und Ländern wie Hauseigentümer, Automobil- und Rüstungskonzerne. Deshalb werden Straßen gebaut, Bauspekulation gefördert und kostspielige Waffensysteme gekauft. Die Kultur kommt dabei auf den Hund.

Renate und Peter O. Chotjewitz in ihrem "Erfahrungsbericht über die Situation des Bibliothekswesens in einem osthessischen Landkreis" in der Zeitschrift "Buch und Bibliothek", Nr. 311977

Spielwiese aus Beton-Malen

Keine Frage, daß das Objekt, das sich die südaustralische Hauptstadt Adelaide von dem Stuttgarter Bildhauer Otto Herbert Hajek hat entwerfen und vorige Woche von Königin Elizabeth II. der Öffentlichkeit übergeben lassen, eine außerordentliche Attraktion ist und dem architektonischen Hauptspektakel des Landes, dem Opernhaus in Sydney, kaum nachsteht. Auf einer fußballfeldgroßen Plaza im Zentrum der 900 000 Einwohner großen Stadt, flankiert von Oper, Schauspielhaus, Parlament und Hauptbahnhof, hat Hajek (in Zusammenarbeit mit den australischen Architekten Hassel und Morphett) eine "begehbare Kunstlandschaft" geschaffen, eine Art Spielwiese aus geometrisch streng geformten und angeordneten, meist übermannshohen und baumstarken Betonpfeilern, überragt von einem fast, zwölf Meter hohen Stadtmal. Diese rot, gelb und blau gespritzte "Stadtikonographie" nannte die Queen eine Aufsehen erregende Ergänzung des Kulturlebens von Adelaide, dem wichtigsten Festivalzentrum dieses Kontinents, Das Kommunikationsexperiment in einer der vielen außerhalb der Geschäftszeiten toten Innenstädte ist die Erstaunlich niedrigen Gesamtkosten von 100 000 australischen Dollar (280 000 Mark) sicherlich wert und wird – zumindest das – Diskussionsstoff für lange Zeit bieten.

Wondratscheks Kinopläne

Deutschlands junge Autoren zieht es mit Macht zum Film: nach Herbert Achternbusch, Peter Handke und Uwe Brandner jetzt auch Wolf Wondratschek, dessen Originaldrehbuch "Im dunklen Herz des Nachmittags" der Regie-Exzentriker Werner Schroeter ("Eika Katappa", "Der Bomberpilot") verfilmen will. "Der Film", so Wondratschek, "erzählt einige Wochen aus dem Leben des 15jährigen Schülers Robert L., die Zeit der Sommerferien im Jahr 1962, wo sich für ihn eine Erfahrung vollendet, die sich in diesem Alter sonst nur in Einbildungen oder Träumen oder pubertären Spielen andeutet: die körperliche Liebe zu einer erwachsenen Frau." Der autobiographische Stoff soll in einer, deutsch-französischen Co-Produktion realisiert werden (Kosten: rund eine Million Mark), in der weiblichen Hauptrolle könnten sich Wondratschek und Schroeter die große Hollywood-Diva Ava Gardner vorstellen. Vorerst mangelt es noch an der Finanzierung, eine Prämie vom Bonner Innenministerium wäre höchst willkommen. Ein anderes Wondratschek-Drehbuch verfilmt zur Zeit der Schweizer Regisseur Daniel Schmid mit Lucia Bosé, Maria Schneider, Ingrid Caven und Lou Castel in den Hauptrollen: "Violanta" nach der Novelle "Die Richterin" von Conrad Ferdinand Meyer.

Intendantenpoesie

Kurt Horres, Intendant in Darmstadt, inszenierte am Münchner Gärtnerplatztheater – Anlaß für die Münchner "Abendzeitung", ein Hintergrundgespräch zu führen. Frage: "Werden die Regisseure allmählich genauso reisende Stars wie die Sänger?" Der Intendant: "Das ist barer Unsinn. Ich inszeniere auch auf dem Matterhorn, wenn ich dort meine Freiheit habe. Ich werde in Leipzig oder Ostberlin nicht anders inszenieren als in Köln am Rhein. Nicht der Ort der Arbeit, sondern die Art der Arbeit ist wichtig. Man muß sich seinen Wurzeln bekennen. Ich kann nicht ohne diesen Acker sein, den man auch Umwelt nennt, den man wie ein Pflug mit silbrigen Schalen immer neu aufbricht. Was ich hasse wie die böseste Krankheit, ist. der fortschreitende Mangel an Sensibilität. Auf einem jüdischen Friedhof die Grabsteine in die Erde wachsen Zu sehen, den Kölner Dom so lange anzuschauen, bis sich die Türme umarmen, in der Osternacht das ‚Lumen Christi‘ zu hören – das sind die Wurzeln, aus denen ich die Kraft zur Kreativität ziehe. Wo sie gerodet sind, gibt es keine Sensibilität mehr, und keine Kunst kann mehr gedeihen." Ein Intendantenmärchen: auf dem Acker, den man auch Umwelt nennt, standen zwei Kirchtürme und umarmten sich. Ein Pflug mit silbrigen Schalen zog Wurzeln aus dem Boden. Nachdem Kurt Horres aus ihnen die Kraft zur Kreativität gezogen hatte, brach er zum Matterhorn auf, zu seiner nächsten Gastinszenierung. Seitdem fehlt von ihm jede Nachricht,