Von Gertrud Mander

In jedem von uns steckt zumindest ein Roman – die Geschichte unserer ersten, größten, unvergeßlichen oder unerfüllt gebliebenen Liebe. Diese im Beschreiben wiederzuerleben und für andere erlebbar zu machen, scheint ein Urbedürfnis zu sein. Renate Schostacks erstem, gut formuliertem Roman liegt etwas von diesem romantischen Urimpuls zugrunde –

Renate Schostack: "Zwei Arten zu lieben", Roman; Piper Verlag, München, 1977; 259 S., 29,80 DM.

Die autobiographische Thematik wird in bewußt kühlem Ich-Erzählerton von der (als langjährige F.A.Z.-Redakteurin im Schreiben bestens geübten) Autorin so genau analysiert und so sorgfältig strukturiert, daß keine subjektiven Peinlichkeiten oder Sentimentalitäten zu finden sind.

Bezeichnenderweise sind beide dieser "Zwei Arten zu lieben" platonisch: die der Erzählerin Ruth zu der Romanheldin Clara, die ihr als Kollegin an einem englischen Mädchen-College begegnet; und die Claras zu ihrem neurotischen Pariser Studienfreund Rossi. Ruth wird von der Erzählerin nach Claras Selbstmord auf eine Suchaktion nach Paris getrieben, wo sie in der "Cité Universitaire" und an allen ihr bekannten Pariser Treffpunkten des Studenten-Liebespaars Motive für Claras Freitod zu finden hofft. Claras Gestalt, aus hinterlassenen Tagebüchern und Andeutungen Ruths zusammengestoppelt, wird zwar ironisch mit dem germanistischen Seraphik-Thema ihrer Dissertation und ihrem Entsagungs-Ideal in Zusammenhang gebracht, aber weder ihrem tragischen Ausgang noch ihrem Ursprung und Erscheinungsbild nach wirklich plausibel vorgestellt. Die anscheinend unaufhaltsame Fatalität dieser mittelalterlich-romanzenhaften Leidenschaft hat es schwer, sich gegenüber den physischen Details der Pariser Roman-Handlung und der kunstvollen Fragmentierung der Berichterstattung in Präsens und Imperfekt zu behaupten. Dazuhin verhindert der bewußt kaltschnäuzige Ton der Erzählerin Identifikationsmöglichkeiten.

Was die Erzählerin am Ende ihrer ausgedehnten Pariser Suchaktion findet, die mit einer nicht handlungsnotwendigen Unterleibsoperation beginnt und durch die Topographie des Pariser Universitätsviertels führt, ist dürftig: Auch Rossi ist tot, auf Ferienreise ertrunken. Ruth wird deshalb nie mehr über Clara in Erfahrung bringen, als sie schon vorher gewußt hat. Der Leser dagegen weiß einiges mehr: zum Beispiel, daß die saloppe, vorurteilsfreie, sich stolz als Abenteurerin bezeichnende, gefühlsdisziplinierte, modernemanzipierte Frau aus Angst vor ihren Gefühlen oder auch aus Angst, vielleicht keine ganz natürlichen Gefühle zu haben, so überlegen analytisch tut, während sie das komplizierte und ihr letztlich unverständliche Gefühlsleben der von ferne angebeteten Geliebten angeht und von ihren eigenen Männergeschichten redet. Er weiß auch, daß sie darum sich ständig in dramatische und literarische Posen werfen muß. Kunstvoll der Trick mit dem Opernglas, mit dessen Hilfe sie von Mal zu Mal die Rückblenden aus der Pariser Rahmenhandlung zur englischen Haupthandlung, und zu Claras Vergangenheit zustande bringt.

Am Ende fragt man sich aber doch, ob das üblich gewordene verschachtelte und simultan geschaltete Erzählen wirklich nötig ist. Was hat es über brillante Fingerübung und Geschicklichkeitsbeweise hinaus für die Wahrheitsfindung gegenüber dem altmodisch gradlinigen Erzählen voraus? Vor allem, wenn es sich um eine im Grunde so altmodische Sache handelt wie diese zwei romantischen Arten zu lieben oder um die Erklärung eines Selbstmords, die auch mit detektivischmodernistischen Stilmitteln nicht besser zu bewerkstelligen ist – wie das Buch resignierend selbst demonstriert – als mit der einfachen Beschreibung bekannter äußerer Fakten.