Mit Hesse ist heute kein Blumentopf mehr zu gewinnen schrieb die ZEIT in ihrem Nachruf auf den Weisen von Montagnola im August 1962. Wer zählt die Blumentöpfe, die sich keine fünfzehn Jahre später zum Jubeljahr des Dichters vor Hesse-Bildern, in Hessen Ausstellungen, Hesse-Symposien türmen? Wilhelm E. Süskinds Wort aus dem Jahr 1927 ist – wieder – wahr geworden: "Hesse ist ein Mensch der Renaissancen."

Keine zwanzig Jahre, nachdem der "Spiegel" Hesse als literarischen "Kleingärtner" abserviert und als politischen Schriftsteller demontiert hat, gibt es die amerikanische Beatband "Steppenwolf", kann die "American-German Review" mit einem Titelblatt erscheinen, das "Saint Hesse among the Hippies" zeigt, huldigt der Drogen-Prophet Timothy Leary dem "Guru aus Montagnola" als dem "Meisterführer zum psychedelischen Erlebnis", bittet die "Hermann Hesse Society International" zu einer Sitzung in das "Sidharta Restaurant" in Manhattan (Damen im Sari, Herren im Turban) – und wird Hesse in Deutschland entdeckt als ernstzunehmender politischer Schriftsteller: Seine Aufsätze, Artikel, Reden zu Fragen der Zeit, die in zwei Bänden "Politische Schriften" jetzt erstmals vollständig gesammelt sind, stehen gleichrangig neben den literarischen Werken.

Solche teils skurrilen, teils wichtigen neuen Erfahrungen kann man seit ein paar Tagen in Marbach am Neckar machen, wo Friedrich Pfäfflin zum hundertsten Geburtstag des Dichters am 2. Juli eine Gedenkausstellung im Schiller-Nationalmuseum aufgebaut hat: "Hermann Hesse 1877–1977 / Stationen seines Lebens, des Werkes und seiner Wirkung" (bis zum 31. Oktober, täglich von 9 bis 17 Uhr). Wer den reich bebilderten, mit entlegenen Zitaten gespickten Katalog erwirbt (in Kommission beim Kösel Verlag, München; 420 S., 29,– DM), kann sich die Schau bis zur nächsten Gedenkausstellung in zehn Jahren, zum 25. Todestag Hesses, verlängern: Bis dahin dürfte der in 464 Exponaten dokumentierte kritische Fundus ausreichen.

Es ist kein Zufall, daß Bernhard Zeller, Direktor des Marbacher Museums und Verfasser etlicher Bücher über Hesse, im Vorwort der Frage nicht ausweichen kann, ob der Versuch, Hesse erneut durch eine Ausstellung zu präsentieren, "sinnvoll ist. Liegt nicht die Gefahr nahe, Altbekanntes zu wiederholen und ein keineswegs einfaches Leben durch die Darbietung einer gefälligen, photogenen und optisch reizvollen Schauseite zu verharmlosen, ja zu verfälschen?"

Zum Ruhm der Ausstellung (also auch des Katalogs) ist zu sagen: die Gefahren von Gefälligkeit, Verharmlosung, Verfälschung sind vermieden. Bewußt wird auf fortlaufende Nacherzählung der Lebens- und Werkgeschichte verzichtet. Statt dessen konzentrieren sich Ausstellung und dokumentierender Katalog auf wesentliche Stationen von Leben und Werk. Dies ist deshalb so wichtig, weil auch der mahnende Satz im Vorwort richtig ist: "Leider fehlt bis heute eine Ausgabe, die alle zu Lebzeiten gedruckten Texte einigermaßen vollständig wiedergibt." Das bei Brecht und anderen Autoren mit ökonomischer Virtuosität geübte Verfahren des Suhrkamp Verlags, Texte eines Dichters in immer neuen Kombinationen auf den Markt zu bringen, feiert in Hesses Jubeljahr Triumphe: Hesse in allen Farben, allen Formen, als Leinenband, als Taschenbuch, in Kassette, in limitierter Luxusauflage, als Wegwerf-Broschur, für Manteltasche, Bücherschrank, für offenes Regal oder Tresor.

Statt vieler Titel eine Empfehlung: In acht Bänden einer Schmuckkassette erscheinen die Romane und die großen Erzählungen (2500 Seiten) zum (Geschenk-)Preis von 48 Mark; die Großauflage von hunderttausend Exemplaren für die kleinen, handlichen, flexiblen Bände in marmoriertem Karton verwirklicht den "Traum" des Verlagsgründers Peter Suhrkamp für Hesses Werk: "Ein winziges Taschenbüchlein von kaum 100 Gramm Gewicht, das durch Zauber bei jedem Aufschlagen immer gerade das enthielte, was der Besitzer zu lesen wünscht, oder was ihm zu lesen nötig wäre."

Nötig zu lesen: Hesses "Politische Schriften" in zwei Bänden, mit einem Vorwort von Golo Mann (zwei Bände, 1000 S., 78,– DM). Auch diese Publikation herausgegeben von dem mit Fleiß, unübertrefflicher Kennerschaft, mehr: mit Liebe dem Werk Hesses dienenden Volker Michels, der für fast das ganze halbe Hundert der Hesse-Bände in Bibliothek Suhrkamp, Suhrkamp- und Insel-Taschenbüchern verantwortlich ist.