Von Werner Klose Ängste des Lehrers vor der Schule

Die Kritik an der Schule ist so alt wie die Schule. Ihre temperamentvollsten Kritiker sind die Schüler. Mit den Kindern kritisieren die Eltern. Denn Kinder, meinen Eltern, seien lieb und nett gewesen, bis die Schule kam. Weitere kommen aus den Institutionen, die der Schule ihre angeblich "fertigen" Schüler abnehmen: Handwerksmeister beklagen die Faulheit der Lehrlinge, Handelskammern berichten von Prüflingen mit katastrophaler Unwissenheit, die Bundeswehr meint, sie müsse zumindest in politischer Bildung mit den allereinfachsten Informationen von vorne anfangen, weil die Schule versagt habe, und die Universitätsprofessoren erklären stets die jeweiligen Anfangssemester für eine Zumutung an Studierunfähigkeit.

Die öffentliche Kritik an der Schule äußert sich in den Medien. Die Redakteure, die entscheiden, ob und wie man sich am allgemeinen Schulkampf beteiligt, sind oft ganz persönlich verstrickt in die tatsächliche oder angebliche Schulmisere. Hat ein Redakteur eigene Schulkinder, bekommt er durch diese die kindliche oder jugendliche Schulproblematik frei Haus geliefert. Die Lehrer sind für den Journalisten ein mindestens so dankbares Thema wie die Ärzte; denn mit dem Lernen und mit der Gesundheit hat jeder irgendwie und auf oft problematische Weise zu tun.

Die Schule ist zwar nicht überall beherrscht von Angst und Aggressivität, aber diese Stimmung liegt in der Schule latent auf der Lauer. In Bruchteilen von Sekunden lassen sich die schlafenden Hunde des Konfliktes wecken, und aus nichtigstem Anlaß können monatelange Auseinandersetzungen entstehen. Besonders dramatische Folgen sammeln die Zeitungen auf ihren blutigen Schlußseiten unter "Vermischtes": Schüler zerstören Schule, Lehrer verprügelt Schüler, Schüler verprügelt Lehrer, Schülerselbstmord, Lehrerselbstmord, Nervenzusammenbrüche, Frühpensionierungen. Bei den Justitiaren der Kultusminister sammeln sich diese Fälle zu einem pädagogischen Gruselkabinett, von den Medien griffig aufbereitet, und dabei haben wir von den vielen Lehrerferkeln, wie sie in den "Schulmädchenreport"-Serien den Kinos geliefert werden, noch gar nicht gesprochen.

Also schwankt, von der Parteien Haß und selten Gunst verzerrt, das Charakterbild des Lehrers in der Geschichte. In Heinrich Spoerls "Feuerzangenbowle" sind Lehrer die unfreiwilligen Clowns der Pennäler, in Walter Kempowskis Sammlung "Immer, so durchgemogelt" finden sich Kurzhinweise auf pure Sadisten im Klassenzimmer. Entweder ist er Witzfigur oder der Bösewicht mit dem Rohrstock, in harmloseren Fällen ein sturer Pedant, ein humorloser Fachidiot oder selbst lebensfremd kindisch geworden im ständigen Umgang mit Kindern.

Wenn ich als Lehrer in dieser Situation einmal Angst des Lehrers vor der Schule darstellen möchte, wird mancher mir nicht glauben. Die Angst des Tormanns vor dem Elfmeter kann jeder Fernsehzuschauer mitempfinden. Schulangst aber scheint nur Schüler- und Elternangst zu sein. Vor diesem so schwer definierbaren "Klima" einer Schule fürchten sich oft alle, auch die Lehrer.

Die Furcht des Lehrers beginnt in jungen Jahren mit der Einsicht, daß sein Dauerauftrag die humane und vernünftige Lösung von Erziehungskonflikten sein werde. Der junge Lehrer fürchtet, sich vor dem unberechenbaren Aufbrechen dieser Konflikte, die ihn überraschen, so daß er nicht oder falsch reagiert. Ihm fehlt die Erfahrung, und er ist verbittert, weil er es gut meint und selbst der Jugend noch so nahe steht. Diese Nähe ist bei Konfliktlösungen ein Vorteil, sofern der junge Lehrer Mut, Besonnenheit, Phantasie und Humor instinktiv richtig einsetzt.