Mangel an Fleiß wirft kaum jemand den gut 50 000 deutschen Kassenärzten vor, wenn es um ihre "schriftlichen" Leistungen geht, eher, daß sie des Guten zuviel tun: Eine halbe Milliarde Rezepte haben sie alle zusammen im letzten Jahr ausgestellt und darauf für 9,8 Milliarden Mark Arzneimittel zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen verschrieben; stets zum Wohlgefallen der Pharmaindustrie, nicht ganz so häufig zum Wohle der Patienten. Doch Fleiß im Umgang mit den teuren Tropfen, Pillen und Pulvern ist weniger denn je angebracht, sondern Wirtschaftlichkeit. Damit allerdings tun sich Ärzte schwer.

Die meisten Mediziner sind, wen wundert’s, keine Ökonomen, nicht einmal im eigenen Interesse. Ihre dilettantischen Investitionen in der pleitereichen Abschreibungsbranche sind Legion. Wer deshalb vom Durchschnittskassenarzt mehr erwartet als das kleine Einmaleins der Gebührenordnung; wird enttäuscht. Nur höchste Funktionäre des Berufsstands machen davon mitunter eine Ausnahme, wie zum Beispiel der Bundesärztekammer-Präsident Professor Hans Sewering, dem mit profitabler Gerätemedizin "unternehmerische" Leistungen gelangen.

Mit dem dummen – von der Pharmaindustrie soufflierten – Schlagwort "Zweiklassenmedizin" und angstschürenden Parolen wie "weil du arm bist, mußt du früher sterben" liefen Ärztefunktionäre im Streik- und Protestmonat Februar Amok gegen die Ehrenberg-Pläne zur Arzneikostendämpfung. Sie wollten damit den Patienten einreden, daß nur eine Gleichung stimmt: Teurer ist besser. Und weil der Griff zum Rezeptblock häufig die einzige ärztliche Leistung bleibt, fiel dieser pharmakologische Unsinn vor allem bei der heute typischen Versichertenmentalität (je höher meine Krankenkosten, desto größer mein Vorteil) leider auf fruchtbaren Boden.

Irgendwelche Verantwortung für den Arzneikonsum der Deutschen, die zusammen mit den Franzosen die Weltrangliste im Pro-Kopf-Verbrauch anführen, wiesen die Ärzte weit von sich Sie verkündeten blauäugig platte Wahrheiten wie diese: Nicht der Arzt bestimmt den Umfang seiner Leistung, sondern die Krankheit. Daß aber nicht grüne Marsmänner, auch nicht die Pharmaindustrie und nicht der Patient entscheiden, was und wieviel verordnet wird, sondern ganz allein der Arzt, davon war nichts zu hören.

Als gelte es, das Vaterland zu verteidigen, kletterte der Berufstand zwar für die angeblich nun -gefährdete .Therapiefreiheit auf die Barrikaden, überging aber großzügig die Verpflichtung, die ihm die Reichsversicherungsordnung schon seit zwei Jahrzehnten auferlegt: Kassenärzte sind danach gehalten, sich mit ihren Rezepten auf das Zweckmäßige und Ausreichende zu beschränken – im Interesse der Beitragszahler. Diesem Postulat einer wirtschaftlichen Behandlungsweise konnten aber die Kassenärztlichen Vereinigungen, denen die Kontrolle darüber zusteht, nie Geltung verschaffen.

just aber, als die Ärzte den Ehrenberg-Gesetzentwurf mit Worten und Taten am heftigsten bekämpften Und sie auch ihren "Kunden" einmal so recht demonstrieren wollten, was eine sozialisierte Staatsmedizin bedeutet, vollbrachten sie eine Art Wunder. Mit deutlich sparsameren Arzneiverordnungen torpedierten sie ihre eigenen Argumente: Sie bewiesen, daß es auch billiger geht: Für Februar rechnet die Pharmabranche deshalb – zum erstenmal seit dem Krieg – mit einem schlechteren Umsatzergebnis als ein Jahr zu-

Unwissentlich, weil sie nämlich die geplante Kopplung von Medikamentenkosten und Ärztehonorar gar nicht durchschaut haben, sägten die sparsamen Ärzte damit zugleich an ihrem Honorarast. Ihnen war entgangen, daß im Ehrenberg-Konzept eine entscheidende Schwachstelle eingebaut ist. Denn was der Gesetzentwurf zur Begrenzung der Jahr für Jahr um zweistellige Prozentsätze (nur 1976 blieb etwas darunter) wachsenden Medikamentenkosten in der gesetzlichen Krankenversicherung bedeutet, ist dies: Schlendrian soll mit Schlendrian verglichen und jährlich sogar noch fünf Prozent mehr davon zugelassen werden. Preissteigerungen der Industrie, höhere Zahl von Patienten und Zunahme der allgemeinen Grundlohnsumme werden noch obendrauf gepackt. Erst wenn dann noch die Fünf-Prozent-Menge durchbrochen wird, sollen statt der gesetzlichen Versicherung die verordnenden Ärzte zur Kasse gebeten werden.