Neben Bier und Barock verbürgt ein Mürbegebäck die Lebenslust der Bamberger, das "Bamberger Hörnla". Von ihm zeugt die einheimische Volksweisheit: "A Kaffee ohne Hörnla is wie a Kuß ohne Schnörrnla." Während der letzten Jahre freilich lag das Backwerk manchem schwer im Magen, denn ein schier unendlich sich hinschleppender Streit um die zunftgerechte Beimengung vergällt den Genuß: Es geht um Margarine oder/statt Butter.

Angefangen hatte es damit, daß ein angesehener Bäcker – in der oberfränkischen Bischofsstadt ehrt man noch seine Meister – im August 1974 vor die Schranken des Amtsgerichts treten mußte. Er war nämlich vom Pfad der reinen (Butter-) Lehre abgewichen und hätte für die als "Bamberger" ausgezeichneten Hörnchen ein Gemisch benutzt, das neben Margarine nur noch zehn Prozent Butter enthielt. Schon sein Vater, begründete er den Fehltritt, habe es so gehalten, und überhaupt sei bereits einmal der Versuch, Butterhörnchen an den Mann oder die Frau zu bringen, am mangelnden Interesse der Kundschaft kläglich gescheitert.

Der Amtsrichter fand alles in Butter und sprach ihn frei. Ganz anders der Staatsanwalt, der Berufung einlegte. Eine Stufe weiter, am Landgericht, war die Kammer mit der Eingangsinstanz einer Meinung, doch der Staatsanwalt – kein Kostverächter, wie wir nun vermuten dürfen – gab nicht nach. Also landete im Jahr 1976 der Fall beim Obersten Bayerischen Landesgericht. Die hohen Münchner Herren hatten ein Einsehen mit den kulinarischen Nöten des fränkischen Anklagevertreters, Sie hoben den Freispruch auf und verwiesen das Verfahren an eine andere Kammer des Bamberger Landgerichts.

Dort drehte sich jetzt daher das Hörnchen-Karussell zum viertenmal um die säkulare Frage, ob nur mit Butter hergestellte Hörnchen echte "Bamberger" sind, die diesen Namen verdienen – egal übrigens, wo in der Welt sie gebacken werden, oder ob jedes am Ort produzierte mürbe Hörnchen, gleich welcher Beimengung, eben ein Bamberger Hörnchen ist. Das heißt, für das Gericht stand lediglich ganz banal zur Debatte, ob ein Verstoß gegen das Lebensmittelgesetz vorliege, ob Verbrauchererwartung schmählich getäuscht worden sei.

Bei der städtischen Lebensmittelüberwachung, wußte ihr Leiter zu berichten, waren jedenfalls keinerlei Beschwerden über die Qualität der Margarinehörnchen laut geworden. Und die Vorsitzende eines Hausfrauenklubs bekundete der Kammer das Unverständnis der Verbraucherinnen über den Hickhack um die Fettart. Hauptsache, so die einhellige Meinung der Mitglieder, das Gebäck schmecke gut und sei preisgünstig.

Dann traten die Kollegen des Angeklagten in den Zeugenstand, und es wurde rasch klar, daß hier kein schwarzes Bäcker-Schaf vor Gericht stand. Denn außer einem einzigen Zunftvertreter gestanden alle, ihr "ganzes Leben lang" stets reine Margarine verwendet – und für ihr Erzeugnis das Lob der Kundschaft geerntet – zu haben, oder aber wenigstens ein Gemisch. Der Innungs-Obermeister stellte schließlich fest: "Mit Butter sind es Butterhörnchen, mit Margarine Bamberger Hörnchen."

Wer nach solchen eindeutigen Deklarationen der Verbrauchererwartung sowie des Handels- und Handwerksbrauchs geglaubt hatte, die Sache sei damit ein- für allemal vom Richtertisch, der sah sich getäuscht. Mochten die Einheimischen auch mit ihren Hörnchen zufrieden sein – auswärtiger Sachverstand mußte her. Der kam denn leibhaftig in der Person des Direktors der Staatlichen Chemischen Untersuchungsanstalt Erlangen und befand, Butter und Bamberger Hörnchen seien von jeher identisch, den guten Geschmack verdanke das Gebäck einzig der Butter, ja: "Das Bamberger Hörnchen ist eine der letzten Butter-Bastionen in der Bäckerei." Würde anderes Fett verwertet, dann sei es ein nachgemachtes oder vermischtes Lebensmittel und müsse entsprechend gekennzeichnet werden.