Von Peter Wapnewski

Das wunderliche Tier, zauberträchtig und sinnbelastet: Den Kenner von Büchern und Bildern läßt es denken an Rilke und Martin Walser, an Tennessee Williams und James Krüss, an "La belle et la bete", an Arnold Böcklin und den Wiener Goldmaler Ernst Fuchs. Und geht er zurück, so wird er die unaufgelöste Szenerie der Teppiche im Musée Cluny bedenken und ihre schwebende Rätselhaftigkeit (und damit wieder Rilke, nämlich den "Malte Laurids Brigge"); und sich schließlich weiter zurücktasten zu dem zoologischen Kompendium des Mittelalters schlechthin: dem "Physiologus", einer christlichen Tiermythologie.

Einhorn, "Tier, das es nicht giebt" (Rilke) –, aber gefangen wird es, wie das Mittelalter weiß, mit Hilfe einer reinen Jungfrau: Sie wird als Köder ausgelegt, da kann das Tier nicht anders- und läuft in ihren Schoß, gibt sich ganz in ihre Gewalt und folgt ihr willenlos. Wer da nicht an Freud denkt (was, wie man weiß, oft eher fasziniert als hilft), der denkt an Christus: so jedenfalls das Mittelalter, dem dieses Wunderwesen in seiner innigen Beziehung zur Jungfrau den Herrn bedeutete, der durch die reine Magd Fleisch wurde. Indessen liegen die Dinge so einfach nicht, es kann den frommen Epochen das Einhorn auch anderes sagen, es ist ein "polyvalenter Sinnträger": Die Keuschheit und die Reinheit personifiziert es, und eben seiner geistlich-geistigen Sinnlichkeit halber hatte es seinen Platz auch im spirituellen Garten des wohlgestutzten höfischen Minnewesens, Gottesminne und irdische Minne in seiner Erscheinung behutsam verbindend.

Auch war es arzneikundig, und Treue ist sein Wesen – neben wiederum seiner Fähigkeit, gelegentlich auch Arges zu symbolisieren wie etwa Stolz oder Zorn. Das wird nur den verwundern, der die Mannigfaltigkeit der mittelalterlichen Bedeutungswelt nicht kennt. Die Wörter und Bilder, die Zeichen und Gegenstände haben ein breites, oft sehr breites Spektrum der Bedeutung, ihre Funktion hängt ab von der jeweiligen Tradition und Schule, von Gelegenheit und Phantasie, und wo Isidor von Sevilla den Teufel vermutet, da kann der "Physiologus" sehr wohl Gott am Werke sehen: Das Mittelalter ist nicht dunkel, sondern bunt.

Was hier angedeutet wurde, ist nur ein schwacher Widerschein der mannigfachen Strahlen, die gelehrter Sammelfleiß gebündelt hat. Es hat von je nicht gefehlt an Forschern, die sich durch das wundersame Wesen und seine Reinheit haben verführen lassen. Nun aber liegt ein kompendiöses Werk vor, das sich getrost das Kennzeichen relativer Endgültigkeit wird bescheinigen lassen müssen. Denn was immer die Einzelforschung aus den Bereichen der Bildenden. Kunst, der Anthropologie, der Religionswissenschaft, der Theologie, der Zoologie und der Literaturgeschichte noch wird an Zeugnissen beibringen, an Korrekturen anbringen wollen, in dieser zum voluminösen Bildband ausgeweiteten Dissertation ist das Wesentliche versammelt, was zum Einhorn gesagt wurde, seit es Einhörner gibt (weit über das Mittelalter hinaus) –

Jürgen W. Einhorn: "Spiritalis unicornis – Das Einhorn als Bedeutungsträger in Literatur und Kunst des Mittelalters"; Münstersche Mittelalter-Schriften Band 13; Wilhelm Fink Verlag, München, 1976; 527 S., 174 Abb., 280,– DM

Nicht ohne Wohlwollen wird man einen ersten Antrieb zu dieser Forschungsarbeit quittieren: den Namen des Autors, dank dem er laut eigenem liebenswürdigen Geständnis "der Versuchung erlegen ist, sich ... auf einen ,verwandten‘ Gegenstand verweisen zu lassen (Über die Leben und Leistung steuernde, "programmierende" und determinierende Funktion von Namen als unabänderlicher Mitgift einer Existenz sollte einmal ein Buch geschrieben werden, "spurhaftes" Leben ist oft auch "vorgespurtes" Leben, und wer da meint, Freud und Adler und Jung und Reich und Fromm hießen nur dem Namen nach so, der weiß nichts von ihnen und nichts von Worten und ihrer Magie.)

Ein Buch ist ein Buch ist ein Buch? Durchaus nicht. Es ist auch, man hat es uns in den letzten Jahren deutlich genug in die Ohren geschrien, Ware. So nutzt man gern die Gelegenheit, ein Wort zum Warencharakter des Buchs zu sagen. Da liegt also eine Dissertation vor, und zwar eine, die sich vom Thema wie dem Niveau seiner Behandlung her trefflich empfiehlt. Sechs Jahre nach ihrer Annahme erscheint sie gedruckt, das ist eine lange Zeit, aber die Mühlen auf diesem Felde mahlen langsam. Nun soll sie sich bewähren, soll gelesen werden, Belehrung austeilen, Zustimmung und Kritik einsammeln, wie das die Art der Wissenschaft ist. Gedruckt wurde das Buch, wie das Impressum sagt, "mit Unterstützung der Universität Kiel". So weit, so gut. Aber das Vorwort sagt mehr: es dankt dem Land Schleswig-Holstein, einer Arzneimittelfabrik und privaten Spendern für ihre Druckbeihilfe. Am Ende aber kostet der Band, der stattlich aufgemacht ist, dessen Textillustrationen jedoch durch das Papier ärgerlich hindurchschlagen, seine harten zweihundertachtzig Mark. Wer soll das kaufen, wer (also) das lesen? Der Band wird mehr zitiert als studiert werden, eine Art spiritueller Präsenz führen: Rilke in seinem schon zizierten Einhorn-Sonett ("Sonette an Orpheus", 11,4): "Sie ließen immer Raum. / Und in dem Räume, klar und ausgespart, / erhob es leicht sein Haupt und brauchte kaum / zu sein."