Von Jürgen s. Holm

Am 3. April 1936 wurde der deutsche US-Einwanderer Bruno Richard Hauptmann, von Beruf Zimmerer, Jahrgang 1900, in Trenton im US-Staat New Jersey auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Wortlos bestieg er diese Maschine, sechs Minuten später wurde er von den Ärzten für tot erklärt Ein Mann hatte aufgegeben.

Zuvor hatte er immer wieder seine Unschuld beteuert: Er sei es nicht gewesen, der das zwanzig Monate alte Baby des weltberühmten Ozeanüberfliegers, Charles A. Lindbergh, entführt und ermordet, und dafür Lösegeld kassiert habe. Hauptmann wurde nur auf Grund von Indizien verurteilt. Das Verbrechen war am 1. März 1932 gegen 21.15 Uhr in Hopewell, New Jersey, verübt worden. Mit dem amerikanischen Lufthelden war die gesamte Nation geschockt. Und eine Massenhysterie brach aus. Säuglinge aller Haut- und Haarfarben wurden den schwergeprüften Eltern als „young Lindy“ angeboten.

Aber da war das blonde Baby längst tot. Am 2. April zahlte das Ehepaar noch 50 000 Dollar an die vermeintlichen Entführer. Das Kind blieb verschwunden. Über die Dollarscheine stieß die Polizei auf den deutschstämmigen Hauptmann. Er hatte in seiner Wohngegend im New Yorker Stadtteil Bronx mit Geld an einer Tankstelle bezahlt, das aus der Ablösesumme stammte. Und in seiner Garage fand die Polizei rund 13 800 Dollar in Goldzertifikaten, die auch aus den von Lindbergh gelieferten Geldern stammten.

Klar, daß die Behörden sich auf den schwer belasteten Hauptmann stürzten, daß sie ihn auf Grund der Indizien wie eine reife Pflaume vom Baum schüttelten und ihn zu überführen versuchten. Die Beteuerungen Hauptmanns, er habe das Geld nur von seinem ehemaligen Geschäftspartner Isidor Fisch in Verwahrung genommen, wurden nur hohnlächelnd zur Kenntnis genommen. Es scheint aber wahr zu sein, daß dieser Isidor Fisch nach Deutschland reiste und in Leipzig an Tuberkulose starb. Erst danach, so Hauptmann, habe er sich an das nunmehr herrenlose Geld gemacht, erst als er wußte, daß sein Freund erbenlos gestorben war.

So wird also aus dem Fall Lindbergh nicht mehr nur eine Affäre des hingerichteten Hauptmann und des gestorbenen Fisch. Es wird im Nachhinein ein Justizskandal, für den es kaum Beispiele gibt. Darüber hinaus hatte der spektakuläre Fall auch strafrechtliche Folgen: Für Kidnapper und Kindesmörder wurde die Todesstrafe eingeführt.

Am 12. Mai 1932 wurde einige Kilometer vom Lindbergh-Haus entfernt die Leiche eines Kleinkindes mit eingeschlagenem Schädel gefunden. Der Körper war schon halb verwest. Doch Charles A. Lindbergh erkannte auf den ersten Blick: „Das ist mein Sohn.“