Hauptmann, der das Lösegeld zum Teil ausgab, hatte für die mögliche Tatzeit sogar ein Alibi: Er habe, so sagte er, den Tag bei der Arbeit an einem Hochhaus verbracht, das gerade am New Yorker Central Park gebaut wurde. Danach sei er wie üblich mit der U-Bahn zu seiner Wohnung im Stadtteil Bronx gefahren und habe den Abend mit seiner Frau verbracht. Ein scheinbar lückenloses Alibi. Doch Hauptmann konnte nichts beweisen; denn die Lohnlisten der Baufirma waren plötzlich verschwunden, niemand hatte ihn in der U-Bahn gesehen, und die Angaben seiner Frau hatten vor dem Gesetz keinen Wert. Zeugen der Anklage – zu ihnen gehörte auch der im August 1974 auf Hawaii gestorbene Nationalheld Lindbergh – beschworen, sie hätten in Hauptmann den Empfänger des Lösegeldes erkannt.

Doch schon 1961 wurden Zweifel laut, wurde die Möglichkeit eines erschreckenden Justizirrtums deutlich. Eine Athener Zeitung berichtete, daß im Nachlaß des Griechen Constantinos Maratos eine große Menge Geldscheine gefunden wurden, die aus Lindberghs Lösesumme stammten. Der Grieche war aus den USA auf seine Heimatinsel Poros im Golf von Saloniki zurückgekehrt und hatte dort 1936, nach der Hinrichtung Hauptmanns, Selbstmord begangen.

Die Zeitung „Acropolis“ hob hervor, daß Maratos nach seiner Ankunft durch größere Geldausgaben Aufsehen erregt habe. Und außerdem habe er dem hingerichteten Hauptmann sehr ähnlich gesehen. Den Freitod habe er nach dem Besuch eines Unbekannten aus dem Ausland gewählt. Unter Matratzen versteckt wurden in seiner Wohnung Geldbündel aus dem Lindbergh-Lösegeld gefunden.

Maratos sprach fließend deutsch. Der deutsche Akzent bei einem angeblichen Anruf Hauptmanns bei Lindbergh aber gehörte zu den wesentlichen Indizien, auf Grund derer Hauptmann sterben mußte. Maratos lebte zudem lange Zeit in einem Landhaus in der Nähe des Lindbergh-Anwesens. Das war der griechischen Polizei bekannt. Interpol-Experten fragen sich heute noch, warum die Griechen ihre amerikanischen Kollegen nicht über diese auffälligen Umstände unterrichtet haben.

Doch auch die US-Justizbehörden handelten bewußt oder unbewußt schlampig, als sie Hauptmann auf den elektrischen Stuhl brachten. Denn erst jetzt, 41 Jahre nach der Hinrichtung, wurde ein Brief bekannt, den Hauptmann an seine in Deutschland lebende Mutter schrieb, in dem er leidenschaftlich seine Unschuld beteuert. Der Brief wurde nie abgeschickt, mit anderen Worten: unterschlagen. Offenbar befürchteten die Gefängnisbehörden, die mögliche Veröffentlichung eines solchen Schreibens könnte für die Justiz „peinlich“ sein. Der Brief wurde im Nachlaß eines Gefängnisbeamten von Trenton gefunden.

„Mein Gott, mein Gott, wo gibt es Gerechtigkeit in der Welt?“ schrieb Hauptmann an seine Mutter Pauline, die in Kamenz in Sachsen wohnte. „Wenn ich schuldig wäre, würde ich mein Urteil annehmen ... Ich kann nicht schweigen und muß mich verteidigen, und das tue ich reinen Gewissens... Liebe Mutter, dieser Brief wird ein bißchen lang, denn ich möchte auf einige Punkte eingehen, die meinen Prozeß betreffen ... Weil ich ein Ausländer und illegaler Einwanderer bin, können sie alles auf mich abladen. Der Ankläger nannte mich vor Gericht nur wildes Tier. Du kannst Dir kaum vorstellen, wie es war, mir das von dem Mann sagen zu lassen, von dem ich wußte, daß er für das Verschwinden von Beweismaterial verantwortlich ist.“

Hauptmann bat den Gefängnisdirektor Mark O. Kimberling, diesen Brief ins Englische übersetzen zu lassen und ihn an den Gouverneur von New Jersey, Harold G. Hoffman, zu senden. Die Übersetzung wurde auch angefertigt und dem Gouverneur zugesandt, allerdings mit einem Begleitschreiben von Kimberling, in dem er vor einer Veröffentlichung warnte, weil sie unter anderem ungünstige Reaktionen in Deutschland provozieren könnte. Eine Antwort des Gouverneurs ist bisher nicht bekannt geworden.