Von Jürg Altwegg

Die Intellektuellen, nicht nur die deutschen, haben ihre liebe Not mit dem Sport: Zwischen magischer Anziehung und Hohn stehen sie ihm zumeist ratlos gegenüber. Gegenstand ihrer Gedankenarbeit ist das Tabu Sport selten, und beim (nie versäumten) Bayern-gegen-Borussia (mit Huberty) beschleicht sie irrationales Unbehagen. In Kunst und Literatur spielt Thema Nummer zwei eine Rolle, die seiner realen Bedeutung spottet. Den Journalismus schließlich hat der Sport zu schlimmen Missetaten verführt. Umgekehrt ist der schon reflexartige Haß auf "die" Intellektuellen innerhalb der ihrer Sache kritiklos ergebenen Sportlerkreise stark verbreitet; man will sich den Kult um den goldenen Ball nicht durch ketzerische Fragen vermiesen lassen. So findet denn die wichtigste Nebensache der Welt weiterhin in jenem ebenso tiefen wie künstlichen Graben zwischen "Kultur" und ,,Körperkultur" statt.

Beide Seiten könnten von mehr Sachlichkeit und größerer Kenntnis profitieren. Anlaß dazu bietet der Band –

"Die Soziologie des Sports", herausgegeben von Günther Löschen und Kurt Weis; Soziologische Texte 99, Luchterhand Verlag, Darmstadt, 1976; 340 S., 54,– DM.

Ohne emotionale Vorurteile, fern ritueller Verzückung werden hier die Ergebnisse vielfältiger Untersuchungen präsentiert. Zwar erreicht die beschreibende Analyse schnell die Grenzen der Soziologie, die mit ihren die Fakten ordnenden Tabellen und Statistiken dem Phänomen Sport kaum gerecht werden kann, doch enthält die vorliegende Sammlung auch einige über die Soziologie hinausgehende Essays, die – über die sozialen (leider weniger: politischen und wirtschaftlichen) Bezüge und Dimensionen hinweg – der Faszination des Sports nachspüren.

Die Soziologen glauben, seit 1789 einen Prozeß gesellschaftlicher Nivellierung feststellen zu können. Parallel dazu erfolgte im Gleichschritt mit der Industrialisierung der unaufhaltsame Aufstieg des Sports, der ein hierarchisches System, unabhängig von sozialer Herkunft und Besetz, geschaffen hat. Er verkörpert das liberale Ideal der Chancengleichheit (beim Anpfiff); seine Klassifizierungen erfolgen zumeist auf Grund objektiv meßbarer Leistung.

Eine Strukturanalyse verweist auf enge Verwandtschaft mit der Kunst: Ohne primär auf einen bestimmten materiellen Zweck ausgerichtet zu sein, repräsentiert der Sport menschliches Handeln, das seine Werte nicht zuletzt im Kreativen und Ästhetischen findet. An der Basis ist Sport "l’art pour l’art – was ihn nicht daran hindert, in einem äußeren Bezugssystem wie die Kunst zweckgerichtet, kommerziell und manipulierbar, also: hochpolitisch zu werden.