Von Shlomo Avineri

Wer die Geschichte des modernen Zionismus im Lichte der jüdischen Historie untersucht und sich mit der engen Verbundenheit befaßt, die zwischen dem Volk Israel und dem Land Israel besteht, wird einem Phänomen nicht ausweichen können, das auf den ersten Blick paradox anmutet.

Einerseits sind die Anhänglichkeit des jüdischen Volkes an seine historische Heimat und die Tiefe der Gefühle, die es dem Lande immer entgegenbrachte, über jeden Zweifel erhaben. Abgesehen davon, daß ein kleiner Überrest dem Lande auch physisch verbunden blieb und die Präsenz des jüdischen Volkes im Lande Israel nie völlig unterbrochen wurde, hielten die Juden dem Lande Israel überall in der Diaspora unerschüttlich die Treue. Israel stand im Mittelpunkt ihrer Gebete, Überlieferungen und Bräuche, ihm galten ihre sehnsüchtigen Hoffnungen, und ihre ganze Lebensführung stand unter seinem Einfluß.

Andererseits ist es klar, daß die überwältigende Mehrheit des jüdischen Volkes trotz dieser inneren Verbundenheit und unwandelbaren Treue in den Ländern der Zerstreuung verharrte. Das Land blieb verödet und unentwickelt, und bis zum Beginn der zionistischen Bewegung in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts war seine jüdische Bevölkerung eine kleine Minderheit.

Erst als der moderne Zionismus auf der politischen Bühne erschien, konnten tausendjährige Hoffnungen in die Tat umgesetzt werden. Nun nahm der Traum greifbare Gestalt an, anstatt, wie bisher, nur eine utopische Idee zu verkörpern, und das Land Israel wurde zu einem lebendigen Zentrum des jüdischen Volkes. Der Historiker muß sich demnach fragen, was dieser Bewegung gerade am Ende des 19. und in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts einen solchen Auftrieb gegeben hat.

In einem großen Teil der israelischen Lehrbücher wird das Anwachsen der zionistischen Bewegung mit dem Antisemitismus begründet; mit den Pogromen von 1882 in Rußland, mit Herzl und dem Dreyfus-Prozeß. Hätte der Zionismus seinen entscheidenden Impuls tatsächlich vom Antisemitismus erhalten, so hätte sich die zionistische Bewegung logischerweise in früheren Epochen herausbilden müssen, in denen der Judenhaß viel schärfere Formen angenommen hatte. Man braucht nur an die Kreuzzüge zu erinnern, an die Verfolgungen nach der Austreibung der Juden aus Spanien und an die Massenmorde, die die Horden Chmielnitzkis 1648 in der Ukraine an den Juden verübten. Die Entstehung des Zionismus wäre nur dann mit dem Antisemitismus zu begründen, wenn letzterer zum erstenmal im 19. Jahrhundert aufgetreten wäre. Nachdem die Judenverfolgungen sich jedoch wie ein roter Faden durch die ganze jüdische Geschichte hinziehen, ergibt sich die Frage: Worauf ist es zurückzuführen, daß ausgerechnet der Antisemitismus des 19. Jahrhunderts eine Reaktion auslöste, die alle Leiden, Verfolgungen und Erniedrigungen früherer Generationen nicht hatten bewirken können?