Flieht der größte europäische Getreidehändler vor dem deutschen Fiskus ins Ausland?

Die Körperschaftsteuerreform hat bei Alfred C. Toepfer, Chef der größten europäischen Getreidehandelsfirma mit einem Umsatz, der konsolidiert an zehn Milliarden Mark herankommt, das Faß zum überlaufen gebracht. Vor zwei Jahren drohte er: "Spätestens meine Nachfolger werden sich überlegen müssen, ob die Bundesrepublik noch der richtige Standort für eine international tätige Firma ist!" Jetzt wurde der fast 83jährige präziser: "Wenn ich noch sehr alt werden sollte, werde ich die Firma ins Ausland verlegen müssen!" Auf die Frage, warum er dies nicht schon getan habe, antwortete er: "Schreiben Sie dies meiner Heimatliebe zu." Toepfer ist ein nationalkonservativer Mann mit einem ausgeprägten sozialen Sinn für Gemeinschaftsaufgaben. Der Schwerpunkt seiner (kostspieligen) ehrenamtlichen Tätigkeit liegt im Naturschutz.

Toepfers Mitarbeiter wollen die Exodus-Pläne ihres Chefs mehr als Denkanstoß für die Politiker gewertet wissen. Dies zur Beruhigung der fast 1600 inländischen Mitarbeiter. Unbestritten ist jedoch, daß die Firma Toepfer durch die national unterschiedlichen Steuerbelastungen auf dem Weltmarkt erheblich benachteiligt wird. Fast 90 Prozent des Toepfer-Handels berühren die Bundesrepublik überhaupt nicht. Die Gewinne daraus müssen aber nach deutschen Sätzen versteuert werden. Dabei hat sich die Situation für Toepfer durch die Körperschaftsteuerreform verschlechtert, weil die einzige Gesellschafterin seiner Firma die gemeinnützige Stiftung F. V. S., Hamburg, ist. Als Nichtsteuerzahler können nämlich gemeinnützige Stiftungen die künftig zusätzlich zur Dividende auszuhändigenden Steuergutschriften nicht verwerten. Bisher war Toepfer Nutznießer des gespalteten Körperschaftsteuersatzes. Die Stiftung bekam den vollen Gewinn zum ermäßigten Satz, stellte aber einen Teil davon wieder als Kapital bzw. Darlehen zur Verfügung.

Durch seinen Steuerfachmann, Hans-Peter Baumgarten, hat Toepfer sich ausrechnen lassen, daß unter Berücksichtigung aller Steuern, sein Gewinn künftig mit 65 bis 72 Prozent belastet wird, sein Hauptkonkurrent in den USA – wie dieser auf einem Steuerhearing ausgesagt hat – dagegen nur mit 35 Prozent. "Kein Wunder", so Toepfer, "wenn sich die deutschen Handelsfirmen mehr und mehr aus dem internationalen Geschäft zurückziehen."

Toepfer ist aber nicht nur mit dem deutschen Fiskus unzufrieden. Ihn ärgert auch, daß man seiner Firma unter Hinweis auf ihre guten Gewinne den teilweisen Ersatz von Schäden verweigert, die durch das Hochwasser im Hamburger Hafen Anfang Januar 1976 entstanden sind. "Damit verstößt die Hansestadt Hamburg zweifelsfrei gegen den Gleichheitsgrundsatz. Benachbarten Betrieben wurde 60 Prozent Entschädigung zugesprochen."

Den Behörden wird noch ein anderer Nadelstich versetzt. So heißt es im Geschäftsbericht der Alfred C. Toepfer Verwaltungs-Gesellschaft mbH, Hamburg: "Die Bezüge des Geschäftsführers decken sich, wie bisher, mit den Bezügen eines Hamburger Senators, die Altersversorgung liegt allerdings wesentlich darunter." Nun wird man sich um die Altersversorgung von Alfed C. Toepfer – er ist alleiniger Geschäftsführer – nicht sonderlich viel Sorgen zu machen brauchen. Er wird schon durchkommen. Aufmerksam machen will er mit diesem Hinweis auf die Bevorzugung der Amtsträger, die sich einerseits Gehälter bewilligen, die mit denen der Spitzenmanager in der Wirtschaft auf einer Höhe, liegen, aber andererseits geflissentlich übersehen, daß die in der privaten Wirtschaft Tätigen ihre Altersversorgung meist aus eigener Kraft sichern müssen. Und dies wegen der unzureichenden Sonderausgabenrege lung auch noch unter voller steuerlicher Belastung.

Daß Toepfer die schlechte konjunkturelle Situation in der Bundesrepublik auch mit der internationalen steuerlichen Wettbewerbsverzerrung zu begründen sucht, ist verständlich. Ein Dorn im Auge, ist dem Freund heimatlicher Fluren und Wälder aber auch der hohe Minussaldo aus dem deutschen Fremdenverkehr. "Mehr als die Hälfte unserer Urlauber", so heißt es im Geschäftsbericht, "reisten ins Ausland. Sie verbrauchen weit mehr als die Hälfte des hohen Aktivsaldos der deutschen Handelsbilanz: Es ist an der Zeit, die deutschen Erholungsgebiete attraktiver zu machen. Ein paar Milliarden, zusätzlich im Inland ausgegeben und mehrfach umgesetzt, würden zweifellos zu entsprechender Arbeitsbolebung und zusätzlichen Steuereinnahmen führen."

Kurt Wendt