Von Rolf Henkel

Für Norddeutsche oder gar Ausländer sind sie im Grunde genommen unbekannte Wesen: die Bayern. Ob sie wieder einmal mit unberechenbaren Aktionen die Politik in Bewegung bringen, dann aber ganz hinterhältig scheinbar den Rückzug antreten, ob sie wirtschaftlich brillieren oder durch deftige Volksfeste und verinnerlichte Religiosität von sich reden machen – ein Nichtbayer ist einigermaßen hilflos, einen Bayern wirklich zu verstehen. An Versuchen, dieses Vakuum literarisch zu füllen, hat es nie gefehlt, zumal immer emsige Geschichtsschreiber das Leben der Bajuwaren vom 6. Jahrhundert bis heute verfolgten. Drei Bücher bringen jetzt weitere Aspekte.

Hans F. Nöhbauer: „Die Bajuwaren“; Scherz Verlag, Bern 1976; 352 S., 29,50 DM.

Hans Dollinger: „Bayern“; C. Bertelsmann Verlag, München 1976; 300 S., 84,– DM.

Bernhard Ücker: „Schwarz, Rot, Liberal“; Ehrenwirth Verlag, München 1976; 392 S., 30,– DM.

Den wertvollsten Beitrag lieferte der gebürtige Niederbayer Hans F. Nöhbauer. Er machte sich als erster die Mühe, die legendäre Herkunft und den, wie er schreibt, fabel-haften Weg dieses deutschen Stammes gut lesbar nachzuzeichnen. Schon im Vorwort stellt Nöhbauer klar, was mancher bei seinem Urteil über die Bayern und ihre Bodenständigkeit mißachtet: Noch heute leben die Bajuwaren in einem Gebiet, das ihre Vorfahren vor nahezu anderthalb Jahrtausenden für sich erschlossen haben. Erst als Napoleon kam, gab es in Baiern nicht mehr nur Baiern, woraus König Ludwig I. im Jahr 1835 die Konsequenz zog, das durch den Zuwachs der Franken und Schwaben nun zum „Mehrvölkerstaat“ ausgewachsene Land fortan ohne das stammesstaatliche „i“ Bayern zu nennen. Noch heute, da die Sudetendeutschen offiziell als vierter Stamm anerkannt werden, wird im Freistaat häufig gewitzelt, das Land werde von Pfälzern (nach den Wittelsbachern) regiert, von Franken verwaltet, von Schwaben finanziert und von einigen Baiem bewohnt.

Mit dem einem Altbaiern eigenen Witz schildert und kommentiert Nöhbauer die Geschichte seines Stammes, wobei er die müßige Suche nach dem Stammvater gleich ausklammert und statt dessen fragt, „wie viele und welche Zutaten eigentlich verquirlt wurden, ehe die Bajuwaren in die Geschichte eintraten“. Nöhbauers Exkurs endet bereits bei dem hinterhältigen Tassilo III. im neunten Jahrhundert, was die Hoffnung erweckt, daß von dem Autor auch die weiteren Stationen bajuwarischer Entwicklung noch nachgezeichnet werden.

In einem Band, der trotz seiner 650 Photos den Geldbeutel mit 84 Mark arg strapaziert, stellt Hans Dollinger 2000 Jahre bayerische Geschichte illustriert dar. Dollinger fand in den Archiven Bilder mit viel Aussagekraft, die manchmal freilich dem Reiseprospekt entlehnt zu sein scheinen. Dafür erhalten aber diejenigen, die die Zeit noch nicht miterlebten, einen Eindruck von der jüngsten Geschichte des Landes. Der Widerstand gegen das NS-Regime, die Originalpostkarte aus dem KZ Dachau, Bayerns Pochen auf föderalistische Eigenstaatlichkeit – das sind Darstellungen, die durch Bild, Kommentar, Dokumente und zeittypische Zitate zu intensiverer Beschäftigung anreizen. Dollinger faßte die vielschichtige Vergangenheit Bayerns samt ihren Wirkungen, in einer großen Überschau zusammen, zu der Golo Mann das Vorwort lieferte.

Was einer heute beim täglichen Miterleben der Landespolitik denkt und an jedem zweiten Samstag den Hörern des Bayerischen Rundfunks mitteilt, ist natürlich subjektiv. Daß Bernhard Ückers Kommentare dennoch Wellen schlagen, liegt in der Persönlichkeit des Autors begründet, der Bayerns Geschichte seit 1945 hautnah als Korrespondent im Landtag miterlebt. Engagierte Anteilnahme, die sicher nicht für jeden bequem ist, zeichnet Ücker ebenso aus wie Liebe zu seiner Heimat und ein, freilich Von keinem Zweifel geplagtes, Bekenntnis zum föderalistischen System. Ücker ist ein Stück bayerischer Zeitgeschichte, seine Kommentare von 1960 bis 1975, zum 30. Jahrestag der Bayerischen Verfassung gedruckt, sind ein Stück Tagesgeschichte.