Von Rainer Köthe

Die Weltmeere sind gewaltige Sonnenlicht-Kollektoren. Das Tagesgestirn heizt die oberen Schichten des Wassers auf. Unten aber, in der Tiefe, liegt die Temperatur wenige Grade über dem Gefrierpunkt. In den Ozeanen also herrscht ein Temperaturgefälle, genau das, was man braucht, wenn Wärme Arbeit leisten soll.

Das wollen Ingenieure von OTEC-Entwicklungs-Gesellschaften – OTEC ist ein Kürzel für Ocean Thermal Energy Conversion – nutzen. Ihr Prinzip ist der umgepolte Kühlschrank. Wie in einem Kühlschrank nämlich soll hier eine leicht verdampfbare Flüssigkeit in einem geschlossenen System kreisen. Während damit aber in unserem vertrauten Haushaltsgerät Wärme aus einem kalten Raum in einen warmen transportiert wird, wozu man Energie braucht, soll der Kreislauf im OTEC-System gerade umgekehrt sein, soll er Wärme der oberen Meereswasserschichten in einen mit Kaltwaser aus der Tiefe gekühlten Raum verfrachten undcabei gewinnt man dann Energie – ohne ~~~~~~ sauber und gänzlich ohne schädlichen Abfall. Das britische Wissenschaftsfachblatt New Scientist gibt in seiner Ausgabe vom 10. März einen Überblick über den Stand der Bemühungen.

Das in tropischen Gebieten etwa 27 Grad warme Oberflächenwasser wird durch einen Wärmeaustauscher geleitet und verdampft die Kreislauf-Flüssigkeit. Der Dampf treibt eine Turbine, die, mit einem Dynamo gekoppelt, elektrischen Strom liefert. In einem Kondensator, durch den fünf Grad kaltes Tiefenwasser gepumpt wird, wird der Dampf dann wieder verflüssigt und in den Verdampfer zurückgeführt. Auf diese einfache Idee sind natürlich nicht erst die OTEC-Techniker von heute gekommen. Der französische Physiker Jacques d’Arsonval sagte schön 1881 voraus, daß man eines Tages Energie nicht nur aus sich erschöpfenden fossilen Brennstoffen gewinnen würde, sondern auch aus dem Temperaturgefälle der Ozeane. Sein Schüler Georges Claudes probierte dies sogar mit einer selbstgebastelten Maschine in der Mantanzas-Bucht von Kuba aus. Das Gerät leistete aber nur 22 Kilowatt und war auch sonst nicht sehr funktionstüchtig. Aber es wäre vielleicht der Anfang einer Entwicklung gewesen, die uns mancher gegenwärtiger Energiesorgen enthoben hätte. Doch die Maschine wurde alsbald von einem Unwetter zerstört. Und Claudes verlor wohl die Lust daran. So geriet diese Möglichkeit der Energiegewinnung zunächst wieder in Vergessenheit.

Ihr wollte sie der Ingenieur J. Hilbert Anderson entreißen. Er gründete zusammen mit seinem Sohn 1964 die Sea Solar Power Company in New York, die OTEC-Generatoren entwickeln sollte. Aber die Ölkrise war damals noch fern, und so ernteten die Andersons eher Spott denn Bewunderung. Man lachte die beiden Männer aus, die in der Zeit des Ölbooms auf einen so absurden Gedanken verfielen.

Die Zeiten wandelten sich und mit ihnen die Einstellung der Amerikaner zu der OTEC-Idee. Seit 1972 wird die Erforschung ihrer Verwirklichung staatlich gefördert, und seit Jimmy Carter, ein Sonnenenergie-Fan, Präsident ist, sehen die OTEC-Entwickler mit großem Optimismus in die Zukunft.

Ihre Zahl hat inzwischen erheblich zugenommen. Die Andersons haben heute mehr als zwei Dutzend Konkurrenten, darunter große Industriekonzerne, die sich den OTEC-Kuchen teilen.