Seit Wochen haben Gespräche unter Amerikanern einen eher britischen Anfang. Zuerst bot die ungewöhnliche Kälte den Anlaß, nun der plötzliche Frühling. Im Park längs des Hudson River‚ wo vor drei Wochen noch Kinder bäuchlings auf ihren Schlitten die Hänge hinunterrutschten, legen jetzt die Läufer ihre Vermummung ab – mit nackten, von der Anstrengung roten Beinen drehen sie ihre Runden gegen die frische Brise vom Fluß.

Der Ladenbesitzer um die Ecke verlängert seine Auslagen mit leuchtenden, wie poliert aussehenden Früchten immer weiter in Richtung Bordstein, bis sie zum Verkehrshindernis werden. Noch vor kurzer Zeit drückte er seinen Kunden mit entschuldigendem Lächeln ein Papier in die Hand, auf dem die Lücken im Angebot erklärt wurden: Versorgungsschwierigkeiten wegen des Jahrhundertwinters. Aber "Red Apple", so heißt die Ladenkette, tue ihr Bestes, um die Kunden zufriedenzustellen: Flugzeuge würden Vitamine aus Mexiko herbeischaffen, nachdem ja die Florida-Ernte erfroren sei, und Notflüge sollten den Fleischnachschub aus Chicago sicherstellen.

Das Beste an diesem New Yorker Winter war ein fast neapolitanischer Himmel – blau, zuweilen tiefblau, sorgte er dafür, daß die Stimmung niemals solche Rekordtiefen erreichte wie das Barometer.

Auf dem oberen Broadway stehen alle Ladentüren offen; der Duft aus spanischen. Bäckereien mischt sich mit Gerüchen aus chinesischen Gewürzläden, und die Feuerwehrsirenen werden zeitweilig übertönt von puertorikanischen Klängen aus Geschäften, die mit Billighausrat vollgestopft sind.

Eisläden, die hier auch im Winter nicht zu schließen brauchen, haben Hochsaison. Zwanzig Sorten Eiskrem gibt es, plus Softeis und gefrorener Joghurt aus dem Hahn. Eine-Dame besteht auf ihrem Alter – Senioren zahlen nämlich fünf Cents weniger.

Boutiquen rollen ihre Kleiderständer auf den Bürgersteig. Vor Antiquitätenläden testen junge Leute altes Mobiliar.

Auf den asphaltierten, von hohem Maschendraht umgebenen Schulsportplätzen spielen Halbwüchsige Basketball, wie Fremde es seit der "West Side Story" erwarten. Bald werden. sonntags wieder ganze Familien mit Picknickkörbchen anrücken. Die Eltern werden ein paar Tennisbälle gegen Betonwände hauen und im übrigen faul in der Sonne sitzen.