Macht noch was Schönes miteinander", rät sie am Schluß allen auf englisch: den Homosexuellen, den Lesbierinnen und sogar den Normalen. So groß ist ihr Herz. Dann singt sie in der New Yorker Schummerbar doch noch einiges ohne die mitgebrachte Tonkonserve.

Gesungen, gehustet, getratscht, mit dem Publikum auf du und du gewesen: das hatte Evelyn Künneke in New York gleich zweimal geschafft, im Kinosaal des Museum of Modern Art und in der Downtown-Bar "Scene One". Im Museum hatte sich zunächst ein Filmdesaster ereignet: Rosa von Praunheims "Ich bin ein Antistar – Das skandalöse Leben der Evelyn Künneke". Dann kam Evelyn selbst. Gekillt von Praunheim-Suada, Praunheim-Kameramann und Praunheim-Tontechnik, hatte sie diesen Praunheim-Totschlagsversuch trotzdem überlebt. Andy Warhols "Superstar" Holly Woodlawn als Schlußwort an Evelyn’s Adresse: "You are sooft wonderful!"

Selbst Goethe hielt Evelyn für Kultur. Sein New Yorker Institut spendierte ihr eine Downtown-Party. Da saßen Evelyn im Halbdunkel einige zu Füßen, die sonst vorwiegend im Lichte stehen, UN-Botschafter von Wechmar zum Beispiel. Erich Kuby zog andere Perspektiven vor, später wurde getanzt, fast ein Praunheim-Zirkus des Dezent-Surrealen. Ein paar Tage vorher hatten abends nach einem anderen Praunheim-Film noch alle im Theater-Café "Phebe’s" gesessen, direkt an der Bowery neben "La Mama’s" Bühnenimperium. Evelyn und Rosa Seite an Seite, kein Schnaps, nur Coca-Cola. Evelyn hatte nüchtern ihre Hotelzimmernummer genannt, der junge Mann gegenüber hatte sie notiert. Der zuständigen Goethe-Organisatorin wurde klar, wofür man als Kulturplaner alles verantwortlich ist.

Am Samstag, in der Schummerbar an der Hudson Street, war es dann gar nicht so schummrig. Das machte licht- und personal intensiv das Deutsche Fernsehen. Als Kulturereignis, sagte Evelyn, müsse sie pro Abend mindestens einen Brecht-Song absetzen. Also setzte sie den Surabaya-Song ab. Hob an, hustete, hielt ein: erkältet. Auf der Mini-Bühne von "Scene One", wo Tee ein Fremdwort ist, trank Evelyn, einen Hustentee.

Als sich Mißtrauen erhebt hinsichtlich des Tasseninhalts, bietet sie einem Herrn, der eine Dame ist, einen Probeschluck an. Der Herr schlürft, verschluckt sich, hustet: Hustentee. Zwischendurch übersetzt sich Evelyn in US-Laute. Das wird eine eigene Darbietung. Praunheims Film hatte uns informiert, sie habe nicht mehr Liebhaber gehabt, als jede andere normale Frau auch: so an die 350. Hier verrät sie, daß sie 55 sei und für die nächsten zehn Jahre auch bleibe. Sie hat viel durchgemacht, sagt sie, und das merkt man auch. Ihr Lied "Was Lola will, das kriegt sie", beschreibt da eher eine neue Erfahrung.

Zwischen sich und Marlene sieht sie vor allem diesen Unterschied: "I am a little younger." Ihr Tonwerk über "Heinos Walküre" wird zum Erfolg durch die Erklärung: "A Walküre is an Amazone in a Wagner Opera." Ihre New Yorker Beobachtung: "Wherever I go, things break down" – wo ich auch hinkomme, bricht alles zusammen. Im Museum of Modern Art hatte der Vorführapparat die englische Tonspur verfehlt. Evelyns Versuch einer Simultanübersetzung scheiterte am Mikrophon. Davor war die Vorführlampe geplatzt. In "Scene One" parierten sogar die Feder-Boas. Daß eine aus Hahnenfedern besteht, findet Evelyn deswegen mitteilenswert, weil "cock" hier auch einen primären Geschlechtsteil bezeichnet. Die Synthese zwischen – Deutsch und Amerikanisch schafft sie im "Mafia Tango".

Dieses Kunstlied beginnt mit der glaubhaften Mitteilung: "Gestern abend wurde ich erschossen." Grund: sie hatte ihrem Mafia-Freund in Geberlaune gestattet: "Shoot whom you want." "And then he shot me." Ganz am Schluß, schon als Zugabe, das Lied von "Emils Händen", die sie nicht vergessen kann. Feministinnen konnten das keinesfalls billigen, hatten aber selten so geklatscht. Werner Dolph