WDR III/NDR III, Donnerstag, 7. April, 20.15 Uhr (andere Dritte Programme folgen): "Gidon Kremer spielt"

Die Talentfindung durch Wettbewerbe hat, allem Argwohn und auch verschiedenem Mißbrauch zum Trotz, immer wieder Genies zutage gefördert. Seinen ersten Wettbewerb gewann Gidon Kremer mit zehn Jahren in seiner Heimatstadt Riga; als Zwanzigjähriger war er dann, Dritter in Brüssel, erstmalig international erfolgreich; zwei Jahre später gewann er in Montreal den zweiten und in Genua den ersten Preis. Den eigentlichen Durchbruch aber schaffte Kremer, als er 1970 den berühmten Tschaikowskij-Wettbewerb in Moskau gewann.

Gidon Kremer war zu Beginn dieser Konzertsaison in der Bundesrepublik; sein Konzert in der Hamburger Musikhalle wurde vom Westdeutschen Rundfunk aufgezeichnet. Kremer spielt bei diesem Mitschnitt Bachs Solo-Partita d-moll, Prokofieffs erste Violin-Sonate sowie "Souvenir", ein ebenso hochvirtuoses wie humoriges, sich gewissermaßen durch das ganze Repertoire klassischen Brillierens schlängelndes und zugleich dieses Show-Gehabe dekouvrierendes Stück des in Hannover lebenden Jugoslawen Ladislav Kupkovic.

Kremer, vorbelastet durch mehrere Generationen – sein Großvater Karl Brückner war einer der wichtigsten Virtuosen und Erzieher seiner Generation; sein Vater wie seine (aus Karlsruhe stammende) Mutter waren Geiger und Mitglieder des Sinfonieorchesters Riga –, ausgestattet mit einem wunderbaren Instrument von Guadagnini, spielt mit einer heute kaum mehr zu findenden Vehemenz, mit leidenschaftlichem Engagement und’souveräner Unerschrockenheit, aber auch mit traumhaft schönen Tönen, mit einer Formsicherheit und stilistischer Prägnanz sondergleichen. Ihm zuzuhören und zuzusehen bedeutet: Musik gewissermaßen körperlich wahrnehmen, sie so intensiv wie lange nicht mehr erleben.

H. J. H.

Wenn man Ihnen im Konzert begegnet, erlebt man eigentlich einen Antityp, der sich vom üblichen Bild eines russischen Weltklasse-Geigers aus der Vergangenheit beträchtlich unterscheidet. Ist Ihnen das selbst bewußt, und welche Erklärung hätten Sie dafür?

GIDON KREMER: Wie ich selbst auf dem Podium aussehe, kann ich schwer beurteilen. Vom Kult des Stars halte ich überhaupt nicht sehr viel. Und die Unterschiede zwischen westlichen und östlichen Stars scheinen mir im wesentlichen auch nicht sehr groß zu sein, wenngleich es welche gibt. Sollten sie lebendige Künstler sein, sind sie Menschen und damit sterblich.