Wie zu erwarten war, hat der Wunsch eines Introvertierten, es möge sein Charakter berücksichtigt werden, zunächst eine gewisse Verlegenheit im Architekturbüro hervorgerufen. "Wenn einer hoch hinaus will", so sagten die einen, "soll er den Blick gefälligst nach außen und nicht nach innen richten, gleichgültig, wie er veranlagt ist!" Die anderen Architekten, und zwar die leitenden, die vom BDA, erklärten, der Introvertierte sei ein menschlicher Typ, der seine innere Kraft aus dem eigenen Inneren zöge, egal, wo er wohnen Auch ein hochwohnender Mensch, ja, vielleicht gerade er, könne eine tiefveranlagte Natur sein. Vorausgesetzt natürlich, daß der Introvertierte Geld hat, könne dem Rechnung getragen werden.

Allerdings, er hatte Geld. Er wünschte ein kleines unscheinbares Haus, völlig unauffällig auf einem Stück Rasen gelegen. Aber ein Penthouse eben. Das war Bedingung.

Es vergingen einige Wochen, ohne daß man zu einem befriedigenden Resultat kam. Gewiß saßen die Architekten in ihren weißen Kitteln vor den Reißbrettern. Gewiß wußten sie – sie waren ja nicht von gestern –, daß Gegensätze heutzutage sich nicht mehr ausschließen, sondern zu einem gemeinsamen Etwas vereinen. Gewiß ahnten sie, daß etwas zugleich Aufragendes und In-sich-Gekehrtes machbar sei, doch wußten sie nicht, wie. Jedenfalls waren ihre Entwürfe samt und sonders zu aufwendig, und das sah man ihnen leider an; es waren sämtlich Entwürfe für Extrovertierte.

In ihrer wöchentlichen Konferenz – denn es war ein demokratisches Büro, welches folglich konferierte – kamen die Architekten beiderlei Geschlechts überein, dem wieder einmal seit Wochen abwesenden Chef bei seiner Rückkehr folgende Idee vorzuschlagen: Wie, wenn man den Introvertierten, der ein sehr umgänglicher, gefälliger Mensch zu sein schien, dazu überredete, sich einer psychoanalytischen Behandlung zu unterziehen? Es müsse bei dem heutigen Stand der Wissenschaft ein leichtes sein, aus dem intro- einen extrovertierten Menschen zu machen. Die Bauzeit des Hochhauses war auf ein halbes Jahr berechnet; in dieser Zeit könnte ein versierter Tiefen-Psychologe in schätzungsweise vier mal sechs Sitzungen die Umkehrung vollzogen haben. Mit anderen Worten: Rechnen wir die Kosten für die Seancen ab, so bliebe immer noch ein erkleckliches Plus, weil, wie wir sahen, Entwürfe für Extrovertierte viel leichter mach- und kalkulierbar sind, sie können ruhig etwas teurer sein.

Nun, der Alte kam, der Professor Dr. Ing. (BDA) hörte sich das an, schüttelte den Kopf und sagte: "Kinder, nee..." Sie wüßten ja, daß er grundsätzlich ihren neuen Ideen immer anerkennend gegenüberstünde. Aber was er brauche, sei in diesem Falle eher etwas von der alten Art, etwas Einfaches, kurz, ein Ei des Kolumbus. Er steckte die Hände in die Hosentaschen, schritt wiegend auf und ab in dem riesigen Ein-Raum-Atelier und seine lieben Mitarbeiter sahen ihm zu: Die einen gespannt, die anderen mißtrauisch ("Dieser Angeber!") oder schadenfroh ("Heißa, auch bei ihm wird so leicht kein Groschen fallen."). Wenn den Mitarbeitern, diesen 30 Personen, Sekretärinnen nicht eingerechnet, nichts Einfaches eingefallen war, wie sollte dem Alten ein smarter, ein kolumbischer Einfall kommen?

Der Professor Dr. (BDA) schlenderte durch die Tür seines eigenen, seines Ein-Mann-Büros, durchwanderte das Vorzimmer, wo seine Privatsekretärin saß, schritt durch den Korridor und kam in die Garderobe. Dort sah er den Hut eines langjährigen, bewährten Mitarbeiters am Haken hängen: einen ziemlich steifen, oben eingebeulten Hut. Er nahm ihn in die Hand, studierte ihn von außen und innen, dann gab er ihn an seinen Platz zurück.

Seine Mitarbeiter sahen den Chef – wieder im Türrahmen erscheinen und ein paar gemütliche Schritte in den Raum tun. Sie. hörten ihn sagen: "Kinder, das Ei des Kolumbus hängt draußen am Haken." Er sagte das mit jenem entwaffnenden Lächeln, das ihm zu seinem Ruhm auch noch den Ruf der Bescheidenheit eingebracht hatte.