Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im April

Der Kanonendonner aus der Spatzen-(Chaussee Nummer 42, von wo aus Andrej Gromyko mit seiner sensationeller) Pressekonferenz die amerikanischen Salt-Vorschläge abschoß, hallt in Moskau noch nach. In der Sowjet-Metropole hat es seit 17 Jahren keinen so unmittelbar gegen Washington gerichteten Auftritt mehr gegeben. Die letzte, ähnlich spektakuläre Pressekonferenz hatte Chruschtschow am 11. Mai 1960 im Pariser Palais Chaillot inszeniert, als er nach dem Abschuß eines amerikanischen U-2-Aufklärers über der Sowjetunion die Gipfelkonferenz mit Eisenhower, de Gaulle und Macmillan tobend für gescheitert erklärte.

Zwar ist mit einem solchen Rückschlag wie damals in Paris – wo Außenminister Gromyko bereits als zweiter Mann neben Chruschtschow dabei war – diesmal zum Glück kaum zu rechnen. Doch Gromykos eineinhalbstündige Schau im purpurfarbenen Gelsenkirchener Barock des "Empfangshauses", wo der sowjetische Außenminister Sarkasmen, Ironie und tiefere Verbitterung über die Amerikaner mit bühnenreifer Mimik präsentierte, hat eindeutig vor Augen geführt: Die Beziehungen zwischen Moskau und Washington sind in den siebziger Jahren noch nie so gestört gewesen.

Was sind die wirklichen Gründe dafür, daß Gromyko den Amerikanern vorwarf, sie wendeten "billige Tricks" an, versuchten dem "Partner ein Bein zu stellen" und zielten mit ihren Salt-Vorschlägen auf die Untergrabung der sowjetischen Sicherheit? Für Moskaus geharnischte Reaktion gibt es drei Motive.

Erstens: In den Augen der Sowjetunion hat Präsident Carter keine konkreten Abrüstungsvorschläge präsentiert, sondern eine polemische, propagandistische Offensive gestartet. Gromyko hat nicht zufällig in langen Passagen seiner Pressekonferenz aufgezählt, daß die Sowjetunion in den vergangenen Jahren bereits 70 Vorschläge zur Abrüstung und Entspannung vorgelegt habe. Carters Messianismus beeinträchtigt das sowjetische Monopol, weitreichende, kaum realisierbare, aber propagandawirksame Abrüstungsvorschläge zu offerieren. Die Kreml-Führer sind beunruhigt und verunsichert durch einen Gegenspieler, der es versteht, im missionarischen Gewand handfeste machtpolitische Ziele zu verfolgen. Ein solches Vorgehen haben die Propheten der Weltrevolution bisher als ihr ureigenes Privileg angesehen.

Zweitens: Die Substanz der amerikanischen Salt-Offerten war für Moskau ebenso unannehmbar wie der Stil, mit dem Carter und Vance sie vorab der Öffentlichkeit präsentiert haben. Beide Salt-Entwürfe Carters würden Washington erlauben, eine unbegrenzte Zahl der gefürchteten Bummelraketen (Cruise Missiles) unterhalb der interkontinentalen Reichweite zu produzieren. Die Aussicht, daß diese Raketen, die das Radarnetz unterfliegen können, in Europa stationiert werden, hat den sowjetischen Außenminister auf seiner Pressekonferenz besonders massiv werden lassen. Er kündigte an, daß der Kreml unter diesen Umständen die in Westeuropa stationierten Atomwaffen der Amerikaner doch in einen Salt-Vertrag über die Raketenbegrenzung einbeziehen müsse: "In Wladiwostok hatten wir im Interesse der Herbeiführung des Abkommens nicht vorgeschlagen, einen Punkt über die Beseitigung der vorgeschobenen amerikanischen Nuklearmittel als Muß-Bedingung in das Abkommen aufzunehmen. Jetzt jedoch betrachten wir diese Frage anders."