Irgendwann merken alle, was für eine Teufelei es sein kann, im Paradies zu leben. Meist zu spät, dann haben die Touristen schon ein Wegwerf-Paradies daraus gemacht. Das geht so tückisch langsam. Die ersten Fremden betreten noch staunend, schier andächtig, den gerade entdeckten Winkel. Angetrieben vom organisierten Fernweh folgt ihnen nach ein paar Jahren die Heuschreckenplage der Neuzeit, der Massentourismus. Im eben noch so stillen Tal klingeln die Kassen. Man glaubt, von dieser Revolution zu leben. In Wahrheit verzehrt sie einen mit Leib und Seele. Die Paradieslinge landen auf dem Strich, nicht wenige wortwörtlich. Erst hat die schöne Naomi von nebenan ein Auto und dann einen Tripper. Das Land geht baden, denn gegen Spekulation hilft nicht mal Penicillin. Die Ochsen stehen eines Tages nicht mehr vorm Berg, sondern vor einem Apartment-Hochhaus.

In Südtirol haben sie diese Sorge jetzt auch. Schon um den Werbeslogan gibt es Krach: "Südtirol – fließend Deutsch und Warmwasser". Die Bozener Zeitung "Dolomiten" beklagt, daß manche Südtiroler "dem Gast zu Füßen herumkriechen und sogar schon unsere vertraute Südtiroler Umgangssprache verkaufen, nur um gefällig und schön ,Taitsch‘ zu reden, wenn sie schon ‚mal‘ sagen statt ‚amal‘ und ,laufen‘ statt ,gehen‘ ".

Es mag den Gast aus Köln ja amüsieren, wenn ihn der Loderer beim Frühstück willkommen heißt, als wäre man bei Millowitschens unter sich. Aber die "Dolomiten" fürchten, daß es damit beginnt und ihnen bald ein Zacken nach dem anderen aus den Bergen bricht. Die Zeitung spricht von Prostitution vor dem Feriengast und vom Tanz ums Goldene Kalb. Fast täglich werde "dem Massentourismus Landschaft geopfert". Man habe "autobusweise Flurdiebe ins Land gezogen", von denen sich manche aufführten "wie weiland die Landsknechte zu Frundsbergs Zeiten, die ja auch genug gesoffen und geplündert haben".

Zuletzt nennen die "Dolomiten" das Dilemma beim Namen: "Was wäre mit unserer ganzen Wirtschaft los, wenn sie nicht kommen würden?" Es wäre schon ideal, wenn die Fremden ihr Geld allein verreisen ließen. Peter Ernst