Um zehn Minuten vor Mitternacht holt Maria Stadler, 63 Jahre alt, am Bahnhof des fränkischen Städtchens Endorf "Das Schweigen im Walde" ab. Der Beamte der Frachtgut-Ausgabe hilft ihr, den schweren Filmkarton auf ihr Fahrrad zu laden. Maria Stadler besitzt das einzige Kino in Endorf, "the only game in town"‚ an den meisten Abenden kommen nur zehn oder zwanzig Zuschauer. Maria Stadlers Kino ist ein Ein-Frau-Unternehmen; vom Kartenverkauf über Vorführung und Plakatekleben bis zum Holzhacken zur Beheizung des Projektionsraumes macht sie alles selber. Ernst, ihr ehemaliger Vorführer, lebt seit einer Beinamputation bei ihr. Gelegentlich treten in Maria Stadlers Kino Pop-Gruppen und Kasperle-Theater auf. Maria Stadler hat über 50 000 Mark Schulden. Sie arbeitet bis zu zwanzig Stunden am Tag. Maria Stadler sagt: "Mein Kino ist wie die ‚Titanic‘. Es will nicht sinken."

Wie viele Mitglieder dieser sterbenden Zunft betreibt Maria Stadler in Endorf ihr kleines Land-Kino wider alle Vernunft. Sie hofft auf einen Kredit aus dem Münchner Wirtschaftsministerium, aber ihre Aussichten sind minimal. Während sich die Kinos in den wenigen großen Städten durch Zellteilung ("Kino-Center") ständig weiter vermehren, vollzieht sich der Untergang der Kinos in der Provinz als langsame, qualvolle Agonie: Die Verleiher interessieren sich kaum für die Probleme der Maria Stadlers überall in der Bundesrepublik, umwerben nur die umsatzstarken Häuser in den Metropolen, speisen die Kleinen mit unaktuellen Filmen und verschlissenen Kopien ab. Und merken nicht, daß sie sich damit auf die Dauer selber das Wasser abgraben: Denn die populärste Kunstform, die dieses Jahrhundert hervorgebracht hat, erreicht einen immer kleineren Teil der Bevölkerung, wird immer mehr zu einer rein urbanen Angelegenheit.

Von der Kinobesitzerin Maria Stadler handelt der 83 Minuten lange Film "Ob’s stürmt oder schneit", die Erstlings-Arbeit der beiden jungen Münchner Filmstudenten Doris Dörrie und Wolfgang Berndt: kein quickes "Feature" nach Fernseh-Manier mit verbindlichem soziologischen Anspruch und bündigen Verallgemeinerungen, sondern das behutsame, liebevolle, aber nie larmoyante Porträt einer Frau, die – trotz allem – ihre Arbeit liebt, ein ruhiger Katastrophen-Film aus der deutschen Provinz, der ein wenig an Erwin Keuschs "Das Brot des Bäckers" erinnert. Hier wie dort ist man ehrlich genug, die Hoffnungslosigkeiten einer mittelständischen Berufssituation präzis zu beschreiben, hier wie dort vergißt man über der Enquête nicht die Menschen, um die es geht.

"Ob’s stürmt oder schneit", ein Dokumentarfilm mit Spielelementen, dem man dringend einen Kinoverleih wünscht, erlebte seine Uraufführung bei der Duisburger Filmwoche ’77, die sich aus einer seit sechs Jahren regelmäßig stattfindenden Informationsveranstaltung entwickelt hat und auf dem besten Wege dazu ist, zum nationalen Festival des deutschen Films zu werden: zu einem Festival freilich ohne Preise und Jury, eher zu einem Forum für Filmemacher, Kinomacher, Kritiker und Zuschauer, wobei sich letztere in der weitläufigen Duisburger Mercator-Halle nicht allzu zahlreich einfanden. Knapp 50 Filme hatten Horst Schäfer und seine Mitarbeiter mit viel Enthusiasmus und wenig Geld – das Bonner’ Innenministerium hielt es nicht einmal für nötig, auf einen Bittbrief der Stadt Duisburg zu antworten – nach Duisburg eingeladen: Neue deutsche Kino-Filme ebenso wie Fernsehproduktionen, darunter etliche Dokumentarfilme (etwa Klaus Wildenhahns "Emden geht nach USA" und Eberhard Fechners "Die Comedian Harmonists"), aber auch solche Fernseh-Arbeiten, die mit dem Blick aufs Kino realisiert wurden: zum Beispiel Rainer Boldts "Fehlschuß" und "Die* Stunde Null" von Edgar Reitz.

Fast alle wichtigen deutschen Filmemacher waren in Duisburg vertreten, ein repräsentativer Überblick über die nationale Produktion fand dennoch nicht statt. Im Rahmen der Duisburger Filmwoche, bei der es primär um Information geht, hätten zum Beispiel unbedingt auch die letzten Arbeiten von Manfred Purzer ("Die Elexiere des Teufels") und Franz Seitz ("Unordnung und frühes Leid", "Abelard") gezeigt werden müssen, die eine Auswahlkommission abgelehnt hatte, während andererseits die gleiche Kommission Alfred Vohrers "Anita Drögemüller" und Michael Verhoevens "Gefundenes Fressen" ins Programm aufnahm. Wirklich sinnvoll wird eine solche Veranstaltung erst, wenn sie sich als offen gegenüber allen Richtungen im deutschen Kino begreift.

Dennoch war diese Duisburger Filmwoche ’77 eine nützliche, eine wichtige Veranstaltung. Alexander Kluge stiftete eine hitzige filmpolitische Diskussion an, die sich an der jüngsten Skandalmeldung aus der Berliner Filmförderungsanstalt entzündete, nach der in Zukunft 16-mm-Filme von der Förderung ausgeschlossen werden sollen. Aber gerade Duisburg zeigte wieder mit so unterschiedlichen Filmen wie "Das Brot des Bäckers", "Krawatten für Olympia" und "Ob’s stürmt oder schneit", daß immer mehr interessante Filme in diesem Format gedreht werden. Und auch viele Kinos haben sich inzwischen 16-mm-Projektoren zugelegt. Den "low budget"-Filmen, die wir zur Belebung des deutschen Kinos so dringend brauchen, soll auf kaltem Weg der Garaus gemacht werden.

Neue Filme in Duisburg: Helmut Herbsts ästhetisch wie didaktisch überzeugendes Porträt "John Heartfield, Fotomonteur", das schon am 8. April in den Dritten Fernsehprogrammen des WDR und der Nordkette läuft; Rosa von Praunheims narzißtische Evelyn-Künneke-Hommage "Ich bin ein Anti-Star"; Thomas Mitscherlichs mühsames Kapitalismus-Proseminar "Der unanständige Profit"; manche Überraschungen, manche Katastrophen und zwei hervorragende Filme, die ihre Regisseure mit einem Schlag in die erste. Reihe der deutschen Filmemacher befördern.