Beliebtes Spiel in Bayern – wer wird Nachfolger von Ministerpräsident Goppel?

So deutlich hatte er es bisher noch nie gesagt: "Wenn der bayerische Ministerpräsident sein Amt vor Ablauf dieser Legislaturperiode einem Nachfolger übergeben will, dann bin ich der erste Bewerber dafür." Doch Franz Josef Strauß, 61 Jahre alt, die unbestrittene "Nummer eins" der CSU, stempelte Bayerns Regierungschef Alfons Goppel, 71 Jahre alt, noch deutlicher zum Ministerpräsidenten auf Abruf. Ungefragt und gutgelaunt fügte er der ohnehin seit langem erwarteten Festlegung den Paukenschlag hinzu: "Dies gilt", und er meinte damit wieder die "Nummer eins", "dies gilt auch für die nächste Landtagswahl."

Wer darauf in Bonn je nach Standort trauerte oder frohlockte, der gewaltige Bayer werde nach 28 Jahren am Rhein nun ganz gewiß den gemütlichen Sessel des bayerischen Ministerpräsidenten einnehmen, den belehrte der CSU-Chef auch flugs eines besseren. Während er noch laut über das Formtief der Bundesregierung und mögliche künftige Koalitionen meditierte, schlupfte er schon durch die Hintertür und erklärte, was er eben gesagt habe, das gelte eben nur jetzt. "In neun Monaten kann wieder alles ganz anders sein."

Bei Strauß war schon immer alles anders. Nicht gerade ein Freund schneller, aber doch spontaner Entschlüsse spielte er häufig mit dem Gedanken, seine Polit-Karriere einmal als bayerischer Landesvater zu krönen. Auslöser solcher Gedanken war meist Ärger und Enttäuschung. Als ihn Adenauer als Minister entließ, als die Große Koalition zur sozial-liberalen wurde, als nicht er, sondern Helmut Kohl zum Kanzlerkandidat ten der Union gekürt wurde – immer wieder ließ Strauß durchblicken, nun sei es endlich an der Zeit, daß er die Bastion Bayern selbst verteidige. Daß dabei stets der Wunsch von Frau Marianne Strauß, den Vorsitzenden in der Nähe der in München wohnenden Familie zu haben, vorgeschoben wurde, war unfair, wenngleich nicht ganz falsch.

In der Wahlnacht vom 3. auf den 4. Oktober letzten Jahres, als die Union knapp den Sieg verfehlte und ein Illustriertenreporter die derbe Strauß-Schelte auf "Nordlichter" und "aufgeblasene Arschlöcher" vernahm, gaben Strauß-Freunde die Parole aus, zwischen Neujahr und Aschermittwoch werde der CSU-Chef in die bayerische Staatskanzlei einziehen. Ohne den bis zum Herbst 1978 gewählten Goppel überhaupt zu fragen, ob er dem ungestüm drängenden Parteichef vorzeitig das Feld räumen würde, gingen bereits Kabinettslisten um. Doch als der Katzenjammer von Kreuth verflogen und der Aschermittwoch vorbei war, saß Goppel fester denn je in seinem Sessel. Und wenn Goppel im Mai sein Kabinett umbilden muß, weil Finanzminister Ludwig Huber und Innenminister Bruno Merk auf lukrative Bankposten überwechseln, dann wird der "ungeduldige Erbe" – so die Süddeutsche Zeitung über Strauß – wieder nicht dabei sein.

Stattdessen geben die Freunde des Parteivorsitzenden, die sich längst über ihre eigenen Ambitionen zerstritten haben, nun ein neues Datum für den Amtswechsel aus: Wenn Goppel im Spätherbst dieses Jahres sein 15jähriges Jubiläum als Regierungschef begeht, soll er wenigstens erklären, Strauß sei sein "Wunschkandidat" für die Nachfolge, die dann im nächsten Frühjahr vollzogen werden soll.

Doch wer Goppel kennt, der ahnt, daß sein oft und demonstrativ vor dem Parlament wiederholtes Bekenntnis, er sei bis zum Herbst 1978 gewählt und achte die Verfassung, viel eher dem Wunsch des 71jährigen Regierungschefs entspricht als ein vorzeitiger Rücktritt. Und selbst Strauß zweifelt kaum noch an der Standhaftigkeit Goppels, der 1974 für die CSU das Rekordergebnis von 62,1 Prozent Wählerstimmen einbrachte.

Ob Strauß das jemals schafft? Just dieser Zweifel ist ein. Grund dafür, daß die "Nebelwerfer" (Süddeutsche Zeitung) des Parteichefs auf die Wachablösung vor der nächsten Wahl drängen. Der Amtsbonus durch die alsbaldige "Krönung" könne Strauß womöglich die Blamage eines mageren Wahlergebnisses ersparen, sagen sie, und manche hoffen, der dann vielleicht schon in europäische Gefilde entfleuchte Strauß mache ihnen den Platz des ersten Mannes im Freistaat frei. Denn hinter dem Kronprinzen lauern erst recht die Kronprinzen. Rolf Henkel