Als die Konditionen, der jüngsten Bundesanleihe bekannt wurden, hielten die Börsianer einen Augenblick den Atem an. Daß der Übergang vom siebenprozentigen Nominalzins auf den Satz von 6 3/4 Prozent in einem Zug vollzogen, und dann gleich eine Laufzeit von zehn Jahren festgesetzt werden würde, war eine Überraschung. Wolfgang Röller, bei der Dresdner Bank für das Effektengeschäft zuständig, hatte wenige Tage vor der entscheidenden Konsortialsitzung noch eine "Doublette" vorgeschlagen, einen siebenprozentigen und einen sechsprozentigen Typ.

Die Bundesbank glaubte auf einen milden Übergang verzichten zu können. Und der Markt gab ihr recht. Die neue Bundesanleihe mit ihrer Rendite von 6,82 Prozent war schon überzeichnet, bevor sie offiziell zum Verkauf gestellt wurde. Nach allen bisherigen Erfahrungen sind sogenannte gebrochene Nominalzinssätze, vor allem die mit 1/4 oder 3/4 enden, nicht von langer Dauer. An der Börse peilt man bereits den 6 1/2prozentigen Zins an. Möglicherweise wird er schon nach den Osterfeiertagen Marktwirklichkeit werden.

Der Kapitalzins ist jetzt auf ein Niveau gesunken, wie wir es zuletzt in den Jahren 1967 bis 1969 hatten. Und wenn wir uns daran erinnern, meine verehrten Leser, daß es noch nicht sehr lange her ist, daß der Rentenmarkt Renditen von elf Prozent abwarf, wird deutlich, was sich da in relativ kurzer Zeit abgespielt hat.

Deutlich wird aber auch, daß über "billiges" Geld allein noch keine Investitionslust entsteht. Sieht man einmal davon ab, daß sich die Unternehmen heute lieber über Schuldscheindarlehen finanzieren als durch Industrieanleihen – und so für den Außenstehenden manches unsichtbar bleibt –, so ist doch den Feststellungen des Kreditgewerbes zu glauben, daß der niedrige Zins bisher die Investitionsentscheidungen. nicht positiv beeinflußt hat. Vorläufig schwimmt ein großer Teil der Unternehmen noch in Liquidität (dabei. spielen die Anzahlungen der Ausländer auf Großanlagen eine bedeutsame Rolle) und ist selbst auf der Suche nach zinsgünstigen Anlagen.

Deshalb ist die öffentliche Hand immer noch der alleinige Schuldenmacher. Eine gewisse Konkurrenz sind die auf Mark lautenden. Auslandsanleihen, von denen in diesem Monat Papiere für etwa eine Milliarde Mark angeboten werden sollen. Da diese Emissionen von der Kuponsteuer befreit sind, die "Gebietsfremde" auf die Zinsen von Inlandsanleihen zu entrichten haben, werden die Auslandsanleihen auch überwiegend von Ausländern gezeichnet. Nach der jüngsten Abwertung der skandinavischen Währungen ist die Mark als Anlagewährung noch beliebter geworden, weil sie auch gegenüber anderen Valuten als aufwertungsverdächtig gilt.

Ausländer kaufen aber auch deutsche Inlandsanleihen, soweit sie sich die Kuponsteuer im eigenen Land anrechnen lassen können. Gleichfalls sind Banken, Versicherungen und Investmentfonds auf Anlagesuche, weil nicht nur neu anfallende Gelder unterzubringen, sind, sondern weil bei den Investoren Monat für Monat flüssige Mittel durch die Tilgung von sogenannten Kurzläufern entstehen.

In falscher Einschätzung der Zinsentwicklung waren in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres fast nur Papiere mit kurzen Restlaufzeiten hereingenommen worden. Schon in der zweiten Hälfte 1976 – so lauteten damals die Prognosen –, würden die Zinsen als Folge der sich wiederbelebenden Konjunktur und der dann virulent werdenden Inflationsgefahren wieder steigen. Die letzte Rentenbaisse noch vor Augen gingen die Rentengroßanleger daran, das Kursrisiko zu minimieren, was über Emissionen, die schon bald zur Tilgung zum Kurs von 100 Prozent heranstehen, am ehesten möglich ist.