Von Karl-Heinz Wocker

London, im April

Wozu Selbstmord begehender Tod kommt sowieso. Nach dieser Devise haben Labour und Liberale in England ihren Pakt geschlossen, und die verlorene Nachwahl in Birmingham-Stechford hat ihn besiegelt. Beide Parteien können sich nun ausrechnen, was ihnen blühen würde, ginge das ganze Land morgen zur Urne. Die Konservativen zögen auf der Grundlage des Resultats von Stechford mit einer Fraktion von rund 500 Abgeordneten ins Parlament ein, und mindestens zwei Legislaturperioden wären ihnen sicher. Für ein solches Debakel ist es nach Ansicht der Parteiführer Callaghan und Steel auch 1979 noch früh genug. So viel Zeit bleibt ihnen auf dem Papier.

In der Nacht der Nachwahl sprachen übereilte Kommentare von einem Scherbengericht über das Bündnis. Aber die empfindlichen Stimmverluste der Sozialisten und die Halbierung der Liberalen lassen gar keine andere Route als die gemeinsame zu. In der leicht wärmenden Sonne des Silberjubiläums der Königin und auf der Woge des stärker fließenden Nordseeöls hofft der Kapitän des havarierten Labourschiffs erst einmal die schlimmsten Monate durchzustehen. Die Liberalen verweisen darauf, daß sie derzeit in einzelnen Kommunalwahlen sehr viel besser abschneiden als in Stechford, wo sie sogar noch hinter der radikalen Nationalen Front landeten. Sie denken sich bereits die Bedingungen aus, unter denen sie auch über den Herbst hinaus gern an der Seite der Sozialisten blieben.

Denn bis zum Herbst fallen wichtige Entscheidungen. Bis dahin ist der neue Lohnpakt der Regierung mit den Gewerkschaften unter Dach und Fach oder nicht. Schaffen Callaghan und sein Finanzminister Healey es ein drittes Mal, dann wird der Beifall in City und Industrie solche Formen annehmen, daß Frau Thatcher sich hüten muß, überhaupt noch von Wahlen zu reden, ohne daß die Londoner Börse kracht. Ein Lohnabkommen, daß auch nur irgendwo in der Nähe der von Healey anvisierten fünf Prozent läge – wozu viereinhalb Prozent aus den neuen Steuersenkungen kämen –, wäre ein inflationsbrechender Erfolg erster Ordnung. Nur sähen es die Gewerkschaftsmitglieder mit anderen Augen als ihre Führungen und das Kabinett.

Denn schon jetzt ist deutlich, daß der Kampf um die Zustimmung vieler Belegschaften hart wird. Gewerkschaftskongreß und Labourparteitag im September und Oktober verheißen bittere Schlachten. Dort droht der Durchhaltewille der Regierung zu zerbrechen, nicht in den Absprachen mit den Liberalen über kommende Gesetze. Einzelne Gewerkschaften schrauben ihre Forderungen bereits jetzt so hoch, daß eine Einigung unmöglich scheint. Das haben sie zwar auch in den beiden voraufgegangenen Jahren schon getan, und sie haben sich dann doch überreden lassen. Aber damals wußten ihre Mitglieder auch noch nicht, daß es ein zweites und ein drittes Jahr der engen Gürtel geben werde. Sie hatten auch noch nicht erlebt, was es bedeutet, wenn die Lohnsteigerung lange Zeit viele Prozente unter der Inflationsrate liegt.

Könnte die Regierung wenigstens eine sinkende Arbeitslosigkeit vorweisen! Doch auch das ist ein Bereich, in dem der Pakt mit den Liberalen nichts bringt und nichts nimmt. Die entscheidenden Schritte müssen die Labour-Leute selbst tun, und das wissen sie auch. Die Liberalen können nur dafür sorgen, daß die Regierung in ihrer Arbeit nicht unterbrochen wird. Umfragen zeigen, daß der "Lib-Lab-Pakt" als gut für das Land, aber als schädlich für die Paktierenden angesehen wird.

Solche Opferhaltung werden die Liberalen nicht lange einnehmen können. Sie müssen beweisen, daß das ungewohnte Ritual nicht nur am Altar der Linken stattfindet, sondern daß auch ihren eigenen Idealen gehuldigt wird. Mitsprache bei der Vorbereitung der nächsten Regierungserklärung im November wäre ihr erster vager Hinweis in eine deutliche Richtung. Auch das muß bis zum Herbst entschieden sein. England, das seit Shakespeare mit einem "Winter des Mißvergnügens" vertraut ist, erhält nun den entsprechenden Sommer hinzu.