In Schweden ist der Klapperstorch schon in den vierziger Jahren abgeschafft worden, als der Sexualunterricht in den Schulplan eingeführt wurde. Mehr als zwanzig Jahre lang ist die sexuelle Aufklärung von der ersten Volksschulklasse an ein Pflichtfach. Man hat versucht, den Sex aus der schlüpfrigen Gossenmentalität und Heuchelei in die Sphäre der klaren Information und persönlichen Wahlfreiheit zu heben. Und doch klagen schwedische Schüler über unzureichende Auskunft. Viele Lehrer, vor allem älteren Jahrgangs, von ihren eigenen Hemmungen behindert, vermögen nämlich nicht, den vertrauensvollen Kontakt mit den jungen Leuten zu finden, um die wohlgemeinte Botschaft aus dem mehrmals umgearbeiteten und den aktuellen Trends angepaßten offiziellen "Leitfaden für den Sexualunterricht" zu vermitteln. Zwischen der liberalen Gesetzgebung und der freimütigen Debatte in den Massenmedien und der persönlichen Auffassung und dem praktischen Lebenswandel des Durchschnittsbürgers besteht immer noch eine breite Kluft.

In einer Umfrage erklärten 95 Prozent der schwedischen Frauen, daß man empfängnisverhütende Mittel benutzen sollte. Aber nur jede zweite tut es auch. Vier unter fünf Männern wenden Kondome an, wie man sie in allen Warenhäusern, Tankstellen und Automaten an den Straßenecken verhältnismäßig billig (etwa 1 Krone pro Stück) kaufen kann. Aber die Geschlechtskrankheitenkurve steigt weiter, und die Anzahl der Abtreibungen ist von 16 000 im Jahre 1970 auf 33 000 im Vorjahre angestiegen. Freilich muß man da die vielen illegalen Schwangerschaftsunterbrechungen vor dem Inkrafttreten des neuen Abtreibungsgesetzes vom 1. Januar 1975 berücksichtigen.

"Legal oder nicht legal – das sind 33 000 Abtreibungen zuviel", erklärte ein schwedischer Sozialfürsorger dazu, "das zeigt vor allem, daß es mit den Vorbeugungsmaßnahmen und der notwendigen Information nicht klappt..."

Manche Beobachter liberalen daß allzu viele junge Leute die neuen liberalen Regeln als eine Art Alternative der Geburtenbegrenzung betrachten und mit den üblichen Verhütungsmitteln schlampig umgehen. Nunmehr fordert man eine stenlose Kondome und Antibabypillen und eine intensivere Aufklärungskampagne in den Schulen.

Das neue Abtreibungsgesetz wurde seinerzeit im Reichstag mit einer alle Parteigrenzen sprengenden Mehrheit von 214 zu 103 Stimmen und 6 Enthaltungen nach einer jahrelangen und heftigen Debatte Entscheidung Der Beschluß überläßt der Frau die Entscheidung bis zur 18. Woche der Schwangerschaft. Eine Abtreibung kann nur abgelehnt werden, wenn sie Gesundheit oder Leben der Frau gefährdet. Nach der 18. Schwangerschaftswoche wird ein Abbruch nur dann genehmigt, wenn besondere medizinische oder soziale Verhältnisse vorliegen. Dies muß dann vom Gesundheitsamt bestätigt werden.

Gewünschte Schwangerschaftsunterbrechungen zwischen der 12. und 18. Woche müssen laut Gesetz indes mit einem Fürsorger besprochen werden, um die sozialen Verhältnisse der Frau zu klären. "Die meisten Frauen betrachten diese Möglichkeit, ihr Problem mit einem verständnisvollen Außenstehenden zu diskutieren, als eine willkommene Vergünstigung", meint Christina Zachrisson, Beraterin im staatlich unterstützten Reichsverband für Sexuelle Aufklärung (RFSU). "Und sie sehen diese Bestimmung nicht als Zwang an. In der Aussprache versucht man auch nicht, sie zu beeinflussen, sondern will sie nur über die Einzelheiten und Tatsachen informieren. Die Entscheidung verbleibt bei der Frau selbst."

1973 notierte man 27 000 legale Abtreibungen, 1974 knapp 30 000, 1975 33 000 und ebenso viele im Jahre 1976. Das frühere Abtreibungsgesetz war bereits längere Zeit lang sehr liberal gehandhabt worden; trotzdem gab es viele Tausende illegale Abtreibungen. In den sechziger Jahren organisierte man sogar Gruppenreisen nach Polen, wo die gewünschten Eingriffe ohne Widerspruch durchgeführt wurden.