Modischer Pessimismus und radikale Sprüche richten mehr Schaden an, als alle Ankurbelungsprogramme gut machen können.

Die Nervosität wächst. Lange Zeit ist die hohe Arbeitslosigkeit von der Bevölkerung mit großer Ruhe und von den Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften mit Besonnenheit ertragen worden. Die große, mit historischen Erfahrungen begründbare Sorge des Kanzlers, daß wachsende Arbeitslosigkeit in Deutschland eine zunehmende politische Radikalisierung nach sich zieht, hat sich – zunächst – als unbegründet erwiesen.

Noch einmal würde Helmut Schmidt daher wohl nicht erklären, fünf Prozent Arbeitslosigkeit seien schlimmer als fünf Prozent Preissteigerung. Abgesehen davon, daß die von ihm befürchteten politischen Folgen ausgeblieben sind, haben wir sogar beides gleichzeitig ertragen müssen: Unterbeschäftigung plus Inflation. Der Kanzler hat daher die Teilnehmer des Sozialistentreffens in Oslo vor wenigen Tagen sehr eindringlich vor dem Irrglauben gewarnt, man könne den Teufel mit Beelzebub austreiben, also durch eine inflationäre Politik die Arbeitslosigkeit beseitigen. Die Zeiten, in denen solche monetären Zaubertricks wirkten, sind längst vorbei.

Vorbei sind aber auch die Zeiten, in denen die Unterbeschäftigung als vorübergehende Begleiterscheinung weltwirtschaftlicher Turbulenzen betrachtet wurde. Auch der Hinweis auf das soziale Netz wirkt nicht mehr so beruhigend wie noch vor wenigen Monaten, nachdem das Rentendebakel und das Interessentengezerre um die Reformen im Gesundheitswesen jedermann deutlich gemacht haben, daß wir uns ohne florierende Wirtschaft nicht mehr so viel sozialen Luxus wie bisher leisten können. Wenn weniger Erwerbstätige für immer mehr Arbeitslose, Rentner, Kranke oder Studenten die Brötchen mitverdienen müssen, muß für alle der Brotkorb höher gehängt werden.

Die wachsende Nervosität und die fatale Tendenz, die Gegenwartsprobleme einfach in die Zukunft zu verlängern und beispielsweise die Arbeitslosigkeit schlicht zum Dauerproblem zu ernennen, hat dazu geführt, daß fast täglich neue Patentrezepte zur Überwindung der Krise feilgeboten werden. Das beginnt mit der forcierten Arbeitszeitverkürzung und endet mit dem Ruf nach einer Veränderung des gesamten Wirtschaftssystems. Die Tatsache, daß sich die allgemeine Gewinnlage etwas und die Erträge einiger Unternehmen sehr kräftig verbessert haben, ein Investitionsboom und die Rückkehr zur Vollbeschäftigung aber auf sich warten lassen, reicht manchem Gewerkschaftsführer aus, die bisherige Wirtschaftspolitik für gescheitert zu erklären und die Marktwirtschaft, die sich ein Vierteljahrhundert lang bewährt hat, in Frage zu stellen.

Dabei wird übersehen, daß eine bessere Ertragslage sicherlich günstige Voraussetzungen schafft, allein aber nicht ausreicht, die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Viel wichtiger – und das hat auch Schmidt den in Oslo versammelten Genossen einzuhämmern versucht – ist Vertrauen in die Zukunft. Wer heute investiert, legt sich auf viele Jahre fest. Doch an diesem Vertrauen fehlt es immer noch. Die Führungsschwäche in Bonn, die politischen Krisen in wichtigen Partnerländern und schließlich die radikalen Töne, die neuerdings auch aus dem deutschen Gewerkschaftslager kommen, sind nicht gerade geeignet, es zu schaffen.

Michael Jungblut