Manfred Scharrer: "Arbeiterbewegung im Obrigkeitsstaat – SPD und Gewerkschaft nach dem Sozialistengesetz"; Rotbuch Verlag, Berlin 1976; 127 Seiten, 7,– DM.

Lutz Niethammer, Ulrich Borsdorf und Peter Brandt (Hrsg.): "Arbeiterinitiative 1945 – Antifaschistische Ausschüsse und Reorganisation der Arbeiterbewegung in Deutschland"; Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1976; 782 Seiten, 46,– DM.

Noch immer rätselt man darüber, wie 1914 eine so marxistisch-revolutionäre Partei wie die SPD über Nacht auf die Linie der kaiserlichen Kriegspolitik einschwenken konnte. Verrat der Führer? Sieg der Arbeiteraristokratie und -bürokratie? Verabsolutierung der Organisationsinteressen? Selbstentlarvung einer scheinradikalen Utopie als Verhüllungsideologie? Identifizierung der Massen mit dem Vaterland und dem "Vater Staat"?

Alle diese Erklärungsversuche sind vorgetragen und verabsolutiert worden. In Wahrheit kommt es darauf an, ihren relativen Stellenwert möglichst genau abzuschätzen. Hierzu leistet die knappe Arbeit von Scharrer einen wertvollen Beitrag. Im Gegensatz zur offiziellen kommunistischen Deutung neigt er dazu, die objektiven Faktoren zu betonen: Nicht so sehr der Verrat der Führer als die Struktur und Funktion der Arbeiterorganisationen gaben 1914 den Ausschlag.

Zur Erklärung verweist er darauf, daß auch schon vor jenem Jahr der Marxismus die Massen gar nicht, die Partei und die Gewerkschaften nur sehr oberflächlich erfaßt hatte. Die Phraseologie war radikal und revolutionär – das praktische Verhalten der Partei wie der Gewerkschaften reformistisch, ja sogar fast immer äußerst ängstlich und defensiv. Die Gewerkschaften waren ganz auf den Tageskampf eingestellt, auch die Partei beschränkte sich auf Organisation und Agitation, Wahlkämpfe und "konsequentes Neinsagen in den Parlamenten". Selbst Rosa Luxemburg habe diesen Widerspruch erst spät erkannt (Karl Liebknecht bleibt leider unerwähnt).

An Hand von Parteitagsprotokollen, Gewerkschaftszeitungen, Memoiren und in Fortführung eines Gedankenganges von A. Rosenberg und Peter von Oertzen weist Scharrer nach, wie die Trennung von Politik und Ökonomie, von Wohnortsorganisation der Partei und Verhalten im Betrieb dazu führte, daß auch die sozialdemokratischen Arbeiter die sozialistische Lehre nicht auf die Wirtschaft und den Betrieb, vielmehr nur auf ihre Tätigkeit in der Partei beziehen konnten. Aufschlußreich ist dabei die Gegenüberstellung der Vorstellungswelt eines angepaßten sozialdemokratischen Arbeiters wie Bromme, der nach 1918 Senator in Lübeck wurde, und eines atypischen Sozialdemokraten wie Most, der schon 1880 als Anarchist ausgeschlossen wurde.

Nur zwei Einwände gegen Scharrer Der Fatalismus der SPD scheint schön bei Marx angelegt zu sein; und die Politik der SPD vor 1914 war noch komplexer, als der Autor annimmt.