Nach dem Scheitern der Vance-Mission in Moskau

Von Marion Gräfin Dönhoff

Der sowjetische Außenminister Andrej Gromyko hat in den rund zwanzig Jahren seiner Amtszeit eine einzige Pressekonferenz in Moskau abgehalten. Sie fand in der vorigen Woche statt. Nach dem Scheitern der Gespräche mit dem amerikanischen Außenminister Vance, gab er ein Statement ab, das eine Stunde dauerte und dem die Antworten auf sechs schriftlich vorgelegte Fragen folgten. Eigentlich hätte ein so denkwürdiges Ereignis die in Moskau nicht gerade verwöhnten Journalisten mit freudiger Erregung erfüllen müssen. Die allgemeine Reaktion aber war, ganz im Gegenteil, besorgtes Erschrecken.

Gromyko war zornig und machte deutlich, wie tief die Kluft ist, die sich zwischen den beiden Supermächten aufgetan hat: "Es gibt jetzt beachtliche politische Differenzen zwischen Amerika und der Sowjetunion, und sie werden in Zukunft nicht geringer werden." Seinen Worten, die in den Tagen danach von der sowjetischen Presse mit wachsender Entrüstung variiert wurden, ist zu entnehmen, daß die sowjetische Führung über drei Dinge verärgert ist:

Erstens darüber, daß der Kreml die neuen Vorschläge Carters nicht auf dem üblichen Wege, also über seinen Botschafter Dobrynin in Washington erfuhr, sondern zugleich mit aller Welt durch eine Pressekonferenz des Präsidenten. Open diplomacy aber ist, wie jedermann weiß, den Russen ein Greuel.

Zweitens über die vielfältigen Erklärungen Carters zum Thema Menschenrechte, die als unzulässige Einmischung empfunden werden.

Drittens über die Substanz der Vorschläge, die, wie der sowjetische Außenminister sagte, eine Reihe von Punkten enthalten, deren Verwirklichung das Gleichgewicht verschieben müßte und die darauf abzielten, Amerika einseitige Vorteile zuzuschanzen: "Was heißt denn Stabilität, wenn die neue Führung alles das, was vorher besprochen und erreicht wurde, einfach wieder auskreuzt?"