Ein neuer Verlag der Autoren stellt sich vor

Von Werner Hornung

Ein Stapel neuer Bücher – etwa 30 Zentimeter hoch, fast vierzehn Pfund schwer –, hinter dem Karl Marx zwinkernd hervorschaut; ein neuer Verlag: das Frankfurter "Syndikat". Karl Markus Michel und Axel Rütters, zwei ehemalige Suhrkamp-Lektoren, wollen mit ihrer 1976 gegründeten Autoren- und Verlagsgesellschaft eine "offene, aber problembezogene Diskussionsgemeinschaft" entwickeln (ZEIT, 12. März 1976).

Das "Syndikat" versucht – ähnlich wie der gleichfalls in Frankfurt ansässige Campus-Verlag –, jene Lücken zu füllen, die verschiedene Branchen-Riesen hinterlassen haben. Suhrkamp, Luchterhand und Fischer verkleinerten oder strichen anspruchsvolle Reihen. Auf den "linken" Boom der späten sechziger Jahre folgte eine "linke" Baisse. Die Leute vom "Syndikat" haben daraus gelernt; sie wollen nicht das moderne Antiquariat beliefern, sondern einer klar abgegrenzten Zielgruppe sozial wissenschaftliche Literatur anbieten – jeweils in unterschiedlichen Auflagen zwischen 1500 und 8000 Exemplaren.

Die siebzehn Bände der ersten Lieferung – kartoniert oder in Halbleinen, alle weiß eingebunden – sind seit einiger Zeit erhältlich, freilich nicht überall. In der Domstadt Bamberg etwa fragt man vergeblich danach, in Berliner Buchhandlungen dagegen ist das "Syndikat" mit seinem eigenwilligen Verlagssignet (einer schlichten Brille nach Intellektuellenart) bereits gut eingeführt. Neben den 5,6 Metern Suhrkamp-Kultur steht nun in den Regalen neue Konkurrenz. Falls der Buchhändler sämtliche Neuerscheinungen vorrätig hat: Der dickste Band umfaßt 572 Seiten, der dünnste ganze 121; das teuerste Buch kostet 44 Mark, und für einen Zehnmarkschein erhält man eine Aufsatzsammlung des vielzitierten Eidgenossen Jean Piaget über "Probleme der Entwicklungspsychologie".

Die neun Artikel aus der Zeit von 1954 bis 1971 geben einen knappen Einblick in das Lebenswerk dieses Psychologen und Philosophen, das auf ungefähr 20 000 veröffentlichte Seiten geschätzt wird. Die Beiträge des heute Achtzigjährigen zeigen die Vielfalt seiner Interessen: Piaget schreibt über Intelligenz und Sprache während der Kindheit, nimmt aber auch Stellung zu grundlegenden Wissenschaftsfragen. Dabei hat sich allerdings die Art seiner Antworten im Verlauf der Jahrzehnte geändert, Kritik von links war deshalb die Folge: "Entwirft Piaget eine neue Religion – eine Religion der Naturwissenschaften oder besser der Kybernetik?" Hans Christian Harten gibt dies in einer Studie zur Gesellschaftstheorie des genetischen Strukturalismus von Piaget zu bedenken. Der Band trägt den Titel "Der vernünftige Organismus – oder gesellschaftliche Evolution der Vernunft" und gehört zur zweiten Auslieferung, die jetzt ebenfalls in den Buchhandlungen liegt.

Gesellschaftskritik