Die Abrüstungsgespräche zwischen US-Außenminister Cyrus Vance und seinenm sowjetischen Kollegen Andrej Gromyko sind vermutlich in erster Linie an der Angst der Russen vor einem neuentwickelten amerikanischen Waffensystem gescheitert: den "Cruise Missiles".

Diese sogenannten "Marschflugkörper" nehmen sich in Größe, Geschwindigkeit und Forbewegüngsart gegenüber den gewaltigen ballistischen Interkontinental-Raketen wie ein technischer Rückfall in die Endphase des Zweiten Weltkrieges aus. Es sind von Düsenmotoren angetriebene, unbemannte Flugbomben ähnlich der deutschen "VI" – nur knapp sieben Meter lang, mit einem Durchmesser von einem halben Meter, dem Gewicht eines Sportflugzeuges und einer Höchstgeschwindigkeit von etwa 800 Stundenkilometern.

Zu einer Superwaffe werden die Cruise Missiles erst durch die Kombination von raffiniertester Navigations- und Zielfindungstechnik mit einem hohen Grad von Nichtverwundbarkeit. Die Flugkörper können – in jeweils abgewandelter Version – von beweglichen Abschußgestellen auf dem Lande, aus den Torpedorohren getauchter U-Boote, von Überwasserschiffen und von Flugzeugen aus gestartet werden. Ein Computer in ihrem Innern hat alle Kursdaten einschließlich vorprogrammierter Ausweichmanöver bis zum Zielpunkt gespeichert und gibt sie während des Fluges in die Steuerung ein. Auch die Geländeprofile auf dem gesamten Flugweg – Berg und Tal – sind dem elektronischen Gedächtnis der Flugbombe eingeprägt.

Ein Radiohöhenmesser vergleicht laufend die wirklichen mit den memorierten Höhen und ermöglicht dadurch einen Flug knapp über Baumwipfelhöhe – im Gebirge 150 Meter über Grund –, in jedem Fall aber unterhalb des Sichtbereichs der feindlichen Radar-Erfassungsgeräte.

Die Cruise Missiles können sowohl mit einem konventionellen wie mit einem nuklearen Sprengkopf ausgerüstet werden. Ihre Reichweite beträgt maximal 3700 Kilometer. Sie sind damit gleichermaßen als taktische wie als strategische Waffen einsetzbar. Die Zielsicherheit soll bis auf eine Entfernung von 15 Metern vom anvisierten Punkt genau sein. Dies würde den Einsatz des Flugkörpers auch gegen "gehärtete" militärische Ziele wie die Silos von Interkontinental-Raketen möglich machen.

Die Vereinigten Staaten sind in der Lage, die Cruise Missiles innerhalb der nächsten beiden Jahre in Serienproduktion herzustellen – zu einem Stückpreis, der weit unter dem eines modernen Jagdflugzeuges liegt. Der Sowjetunion aber wäre nach Meinung von Experten ein Nachziehen vor Ablauf von zehn Jahren nicht möglich, weil sie in der Fähigkeit zur Miniaturisierung der Eingeweide solcher Flugkörper weit im Rückstand liegt. Der Versuch, ein Abwehrsystem gegen die Cruise Missiles zu entwickeln, müßte sie angesichts der astronomischen Kosten in schwerste wirtschaftliche Bedrängnis bringen. Hans Schueler