Rendite ist auch bei den Aktien Trumpf. Wer heute von Rendite spricht, meint in erster Linie die Barrendite, bestenfalls die Bruttorendite, die sich aus der Einbeziehung der künftig zur Bardividende zu gewährenden Steuergutschrift ergeben wird. Das Kurs-/Gewinn-Verhältnis, über lange Zeit anerkannter Kursbildungsfaktor, hat an Bedeutung eingebüßt. Jener Teil des Gewinns, der von einem Unternehmen einbehalten wird, zählt für den renditebewußten Anleger kaum noch.

So wird es verständlich, wenn das durchschnittliche Kurs-/Gewinn-Verhältnis für deutsche Standardaktien bei 9 liegt, im internationalen Vergleich sehr niedrig. Neun bedeutet, daß der Gewinn je Aktie so hoch ist, daß ihr Kaufpreis mit ihm innerhalb von neun Jahren aufgebracht sein würde. Bei der neuen Bundesanleihe (Rendite 6,8 Prozent) würde man – ohne Zinseszins-Rechnung – dafür mehr als 14 Jahre brauchen.

Die Aktienanleger von heute wollen sich auf solche Vergleiche nicht einlassen. Für sie zählt bei den Aktien nur die effektive Ausschüttung in Beziehung gesetzt zum Erwerbspreis. Das engt den Kreis der kaufenswerten Papiere merklich ein. Kein Wunder, wenn in den letzten Tagen die Umsatzschwerpunkte wieder bei den Aktien der Großchemie und der Versorgungsindustrie lagen. Die früheren. Favoriten wie Bank-Aktien, Siemens oder Mannesmann blieben völlig im Hintergrund – aus Renditegründen.

Bei BASF, Bayer und Hoechst gilt in Börsenkreisen für 1976 eine Ausschüttung von 8,50 Mark als wahrscheinlich. Sollten die Ausschüttungen 1977 wegen der für die Unternehmen höheren Körperschaftsteuerbelastung auf 6,50 Mark zurückgenommen werden (was manche Börsianer bereits für Pessimismus halten), so ergeben sich bei Bayer und Hoechst unter Einbeziehung der Steuergutschriften von jeweils 3,65 Mark Bruttodividenden von 10,15 Mark, was bei den heutigen Börsenkursen einer Rendite von mehr als sieben Prozent entsprechen würde. Hier wird die Rentenrendite also bereits überschritten. Bei der BASF stellt sie sich wegen des um 20 Mark höheren Börsenkurses auf "nur" 6,2 Prozent. Möglicherweise deutet der Kursvorsprung auf eine weniger starke Kürzung der Bardividende für 1977 hin, als man sie bei Bayer und Hoechst erwartet.

Das Renditedenken scheint den deutschen Aktienmarkt gegenüber internationalen Ereignissen unempfindlich gemacht zu haben. Jedenfalls machte sich die ausgeprägte New Yorker Börsenschwache der letzten März-Tage diesmal nicht bemerkbar. Vielleicht sind die deutschen Papiere gerade ihr Nutznießer. Denn Schweizer Bankiers, so flüstert man sich in den Börsensälen zu, sollen Wall Street neuerdings meiden, obwohl die Konjunkturaussichten in den USA keineswegs als schlecht beurteilt werden. Die Schwächeneigung der amerikanischen Aktien wird mit politischen Bedenken begründet. Gegenüber der Politik von Präsident Carter besteht in "Kapitalistenkreisen" ein wachsendes Unbehagen. Mit Besorgnis wird die Entwicklung im afrikanischen Zaire betrachtet, wo ein Zusammenprall west-östlicher Interessen mit Waffeneinsatz nicht ausgeschlossen werden kann. K. W.