Von Wolfgang Boller

Blütenblätter liegen wie Schnee auf den Sandsteinstufen vor der alten Kirche. Zwischen rotgespenkelten Dächern blühen, Mandelbäume, Aprikosenbäume, Pflaumenbäume, und wenn der Wind aufspringt wie ein junger Hund und durch die Alleen tollt, ist die kleine Stadt sekundenlang in weiße und rosafarbene Wolken gehüllt. Die Bergstraße leuchtet im Schmuck der frühen Frühlingsblüte.

Noch blüht nicht das fernste, tiefste Tal im Odenwald. Zuerst entfachte der Frühling in den Spargelebenen am Rhein die goldgelben Signalfeuer der Forsythien und trug sie in die Vorgärten, als sollten sie in den sanften Flammen verbrennen. Dann überwältigte er die Städte mit schneeweißen Explosionen gleich Feuerwerkskünsten. Nun steigt der Zauberer siegessicher die Hügel hinauf bis zu den Säumen der Wälder. An der Bergstraße eilt der Frühling der eigenen Zeit um Wochen voraus. In der südlichen Kulissse von Weinbergen und Burgen inszeniert er mit Osterglocken und Magnolien, mit Pfirsichblüten und Feuerlack die Ouvertüre seiner strahlenden Triumphe.

Die Landschaft zwischen Darmstadt und Heidelberg ist in den Schimmer eines Lichts getaucht, das scheinbar nicht vom Himmel, sondern von weißen Blüten kommt. Und so wie Marktbrunnen, Kriegerdenkmäler, Gauben und Madonnen anscheinend im Blütenmeer versinken, tritt die ganze Wirklichkeit des Ländchens zwischen Tabakfeldern und Tannen, so als sei es ausschließlich für Schwärmer gemacht, hinter den wonnigen Ekstasen eines Frühlingsfestes zurück, das Glück und Schrecken in einem verbreitet.

Der Blütengarten mit Hunderttausenden von Obstbäumen, mit Reben und Edelkastanien, Mandeln und Feigen ist ja doch tatsächlich nur eine Straße, eine Handvoll Fachwerkstädtchen mit dem Rücken zum Odenwald und dem Blick auf zwei Autobahnen, Schienenstränge, Industrieviertel, Hochhäuser und Biblis. Die Ebene dröhnt. Im Umkreis von etwa 60 Kilometern um Bensheim leben 3,4 Millionen Großstädter, und an sonnigen Blütensonntagen ist die bunte Blechschlange auf der B 3 exakt 56 Kilometer lang. Die Bergstraße ist keine Landschaft für Autofahrer. Sie ist, ganz im Gegenteil, eine Landschaft für Wanderer und Weintrinker, für Sonntagsmaler und Gelegenheitsdichter, für Legendensammler und Geschichtsforscher. Zur beherrschenden Höhe des Melibocus mit dem siebenfachen Blick auf den Rhein ist die Autoauffahrt verboten (517 Meter hoch; zu Fuß von Alsbach in einer Stunde), zu neun Aussichten bei Auerbach gibt es keine Fahrstraße, die Waldwege sind mit Schlagbäumen versperrt wie Zollgrenzen zum Ausland.

Der Naturpark Bergstraße–Odenwald ist mit 2080 Quadratkilometern annähernd so groß wie Luxemburg. Die Zufahrtsstraßen münden in Parkflächen (insgesamt etwa 300 mit Platz für 10 000 Autos). Es gibt einen beschilderten Blütenweg ("B") oder Randweg ("R") von Darmstadt über Alsbach, Zwingenberg, Bensheim und Heppenheim bis Heidelberg. Das Wandervergnügen währt schätzungsweise 24 Stunden. Der Pfad führt auf halber Höhe der Hügel mitten durch das Blütenwunder, er kreuzt Weinberge, berührt alte Städte und windet sich zu Gipfeln empor, die Burgruinen gleich verwitterten Kronen tragen und mit leeren Fensteraugen in die lärmenden Täler starren.

Die größte und imposanteste Anlage ist das Auerbacher Schloß (13. Jahrhundert, 351 Meter hoch) mit Ecktürmen wie Körbe von Fesselballons über dem Land. Von hier ließen sich bei klarer Sicht Lektionen in deutscher Geschichte erteilen – mit dem Wanderstock auf die karolingische Königshalle der Reichsabtei Lorsch weisend, auf die spielzeugkleinen Dome von Worms und Speyer, auf die Umrisse der Gebirge Haardt und Donnersberg, Namen nennend, die das Volk liebt, Geschichten memorierend, die seiner Geschichte eingebrannt sind, vom hürnenen Siegfried, vom Kaiser Karl, vom abtrünnigen Mönch Luther und dem Kaiser, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, vom Sonnenkönig und Liselotte von der Pfalz.