Zeitliches aus Hannover

Richter lieben es ruhig. Besonders die Amtsrichter in Lehrte. In Lehrte soll ein neues Schulgebäude errichtet werden. Die Planer liebäugeln mit dem Canterschen Park. Dort werden jetzt schon über zweitausend Kinder in einem Schulzentrum unterrichtet, eine Arrondierung bietet sich an. Die Lehrter können aber nicht einfach tun, was sie wollen. Denn 1974 haben sie dem Land Niedersachsen für den Bau eines Amtsgerichts ein Grundstück unentgeltlich überlassen. Die Stadt, froh über den Behörden-Zuzug, verpflichtete sich in einem Vertrag, in der Nähe des Justizgebäudes keine weiteren Schulbauten zuzulassen.

Die neue Schule soll nun achtzehneinhalb Meter vom Amtsgericht entfernt entstehen. Die Richter wollen das nicht. Sie brauchen ihre Ruhe. Mit den neuen Nachbarn, fürchten sie, wäre diese dahin.

Vor dem Landtag befragt, machte Justizminister Hans Puvogel klar, warum seine Richter Schüler nicht so gern in Gerichtsnähe hätten. Schule, so erklärte Puvogel, bedeute Unruhe. Der geordnete Ablauf eines Gerichts werde durch sie empfindlich gestört. Man habe, bedeutet der Minister, da seine Erfahrungen. Der Pausenlärm, weiß der Jurist definitiv, sei nicht hinreichend abschirmbar.

"Auch Unterrichtsgeräusche lassen sich nicht vermeiden", offenbarte Puvogel, "wenn vor allem an warmen Tagen bei geöffneten Fenstern gelehrt wird."

Und die zunehmende Motorisierung der älteren Schüler treibe den Lärmpegel noch weiter hinauf. Aber die Richter sind nicht nur von Phon und Dezibel bedroht. Auch die atmosphärische Veränderung vor dem Amtsgericht, das Drumherum, das Laxe und Legere der Schüler, ihr ungezwungener Habitus scheint der Justiz unerträglich: es stehe "eine Zunahme der allgemeinen Unruhe zu befürchten".

Und: "In den Pausen und Freistunden werden zumindest teilweise die gepflegten Grünanlagen des Amtsgerichts betreten." Puvogels Furcht: "Bei schönem Wetter werden die Schüler die justizeigenen Rasenflächen als Liegewiese benutzen", kurzum: "die Grünflächen des Gerichts werden sich zu einem zweiten Pausenhof der neuen Schule entwickeln."