Wie in diesem Jahr 100 000 neue Ausbildungsplätze geschaffen werden sollen

Das Problem werden wir lösen", meint Rolf Raddatz, Berufsbildungsexperte beim Deutschen Industrie- und Handelstag (DIHT), zuversichtlich, und Hans Günter Patzig, Sprecher des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, ist optimistisch, "daß die Betriebe mitziehen". Die Unterstützung der Kammern und ihrer Mitgliedsfirmen werden die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft auch nötig haben, wenn sie ihre Zusage einhalten wollen, in diesem Jahr zwischen 99 700 und 114 700 zusätzliche Ausbildungsplätze bereitzustellen.

Denn eben auf Grund dieser Zusage hat das Bundeskabinett am vergangenen Mittwoch entschieden, die Wirtschaft im Jahr 1977 nicht mit der im Ausbildungsplatzförderungsgesetz vorgesehenen Abgabe zu belasten. Wäre die Ministerrunde den Berechnungen ihres Kollegen, des Bildungsministers Helmut Rohde, gefolgt, dann wären die Voraussetzungen für die Erhebung der Abgabe – ein mindestens 12,5prozentiger Angebotsüberhang – bereits 1977 erfüllt gewesen.

Das Bildungsministerium hatte per 30. September 1976 ein Angebotsdefizit von 1,7 Prozent errechnet; die im Kuratorium der Deutschen Wirtschaft für Berufsbildung zusammengeschlossenen Unternehmerorganisationen kamen dagegen auf ein Überangebot von 23,1 Prozent.

Als schwerwiegendsten Mangel der Rohde-Rechnung werteten sie, daß der Bildungsminister nur die Ausbildungsplätze zähle, die als offen gemeldet und auch besetzt würden, und die beträchtliche Zahl von Lehrstellen nicht zur Kenntnis nehme, die die Schulentlassenen ohne Vermittlung des Arbeitsamtes direkt besetzen. Um zukünftig wenigstens annähernd vergleichbare Zahlen zu bekommen, wollen die Unternehmerverbände die Betriebe jetzt veranlassen, ihr Angebot an Ausbildungsplätzen vollständig zu melden.

Bereits Mitte März hat der DIHT alle Kammern nochmals gemahnt, sich dieses Problems anzunehmen. Die Kammern wiederum schrieben alle Betriebe an, die bis dato noch gar nicht ausgebildet oder die Ausbildung zwischenzeitlich wieder aufgegeben haben. Berater der Industrie- und Handelskammern besuchen in diesen Wochen die Betriebe und prüfen an Ort und Stelle, wie mehr Schulentlassenen zu einer Lehrstelle verhelfen werden kann.

Dabei kommt es in erster Linie nicht darauf an, Großbetriebe zur zusätzlichen Bereitstellung von Ausbildungsplätzen zu veranlassen. In deren langfristiger Personalplanung wird, schon seit mehreren Jahren ein stetig wachsendes Kontingent an Lehrlingen berücksichtigt, selbst wenn die Zahl der festangestellten Arbeitnehmer geschrumpft ist. Die sehr viel kurzfristiger disponierenden Kleinbetriebe, die gar nicht selten von einer Woche auf die andere Lehrlinge einstellen, sollen motiviert werden, ihren Bedarf früher anzumelden.