Von Heinz-Günter Kemmer

Thyssen-Chef Dieter Spethmann warf der Konkurrenz den Fehdehandschuh hin: Man denke nicht mehr daran, sich an ein Einheitsschema für die gesamte Branche zu halten, Und Thyssen sei in der Lage, seine Strukturprobleme selbst zu lösen, andere vielleicht nicht. Mit diesen "Strukturproblemen" war ein Thema auf dem Tisch, das sonst gern unter den Teppich gekehrt wird. Die Branche neigt dazu, alle ihre Sorgen mit der schlechten Konjunkturlage zu erklären. Aber daß mit dem Aufziehen eines neuen Stahlbooms viele Schwachstellen nur verdeckt, nicht aber beseitigt werden, ist zunehmend siehtbar geworden.

Von Spethmanns Kollegen konnte man noch deutlicher hören, was gemeint war: Thyssen denkt nicht daran, einen notleidend werdenden Konkurrenten unter seine Fittiche zu nehmen und ihn damit vor dem Untergang zu bewahren. Wohin das nämlich führen kann, spürt der Stahlriese derzeit am eigenen Leibe. Denn die Ende der sechziger Jahre aus Hanielschem Familienbesitz übernommene und mit der Thyssen-Tochter Niederrheinische Hütte AG zur Thyssen Niederrhein AG vereinigte Hüttenwerk Oberhausen AG (HOAG) ist das Sorgenkind des Konzerns.

Während die Stahlbetriebe der Muttergesellschaft selbst im rabenschwarzen Stahljahr 1975/76 mit einem bescheidenen Gewinn aufwarteten, hagelte es bei Thyssen Niederrhein Verluste. Damit soll nun aufgeräumt werden. Ein drastischer Schritt ist unvermeidlich geworden. Die Moral aus der Geschichte: Wer einen Fußkranken kauft, der muß später die Sozialpläne finanzieren und überdies den sozialen Buhmann abgeben. Dabei ist Thyssen mit der ehemaligen HOAG noch in einer vergleichsweise glücklichen Lage, weil die Betriebe nur wenige Kilometer voneinander entfernt liegen, die "Umsetzung" von Belegschaftsmitgliedern also kein unüberwindliches Problem ist.

Genau das Gegenteil trifft für die Klöckner-Werke AG und die von ihr aus Flickschem Besitz übernommene Maximilianshütte in der Oberpfalz zu. Klöckner hat mit den Anteilen die Hypothek einer zu großen Belegschaft übernommen – mehr als tausend Arbeitsplätze werden auf der Strecke bleiben. Auch Klöckner kann Ersatzarbeitsplätze in anderen Konzernbetrieben bieten, aber wer zieht schon aus Bayern nach Bremen oder Osnabrück?

Gerade an diesem Beispiel wird deutlich, wo die Hemmnisse für die immer wieder geforderte Neuordnung der deutschen Stahlindustrie liegen: Die Betriebe, die eigentlich verschwinden oder zumindest stark rationalisiert werden müßten, liegen nahezu ausnahmslos in Gebieten, in denen es kaum andere Arbeitsmöglichkeiten gibt. Das Saarland und der Raum Peine/Salzgitter sind dafür Paradebeispiele.

Und dies ist einer der Gründe dafür, daß die seit langem erwartete Großfusion zwischen Klöckner, Krupp und Salzgitter noch immer auf sich warten läßt. So sehr sich nämlich auf dem Papier die Rationalisierungsmöglichkeiten ausrechnen lassen, so sehr steht ihnen die soziale Wirklichkeit entgegen. Die Unternehmen sind in ihren Entscheidungen über Betriebsstillegungen nicht völlig frei. In Salzgitter hat der Bund als Großaktionär ohnehin ein Vetorecht, bei anderen Standorten ist eine Veränderung der Kalkulation durch Subventionen nicht auszuschließen,