ARD, Dienstag, 29. März: "Anpassung an eine zerstörte Illusion" von Peter Scheibler

Ich zweifle nicht daran, daß der Autor für jedes von ihm beschriebene Detail einen Beleg haben wird: Der Schulleiter mag ihm, aus Erzählungen oder eigenen Erlebnissen, bekannt sein, der den Namen der neuen Kollegin vergessen hat, und auch den Anti-Feministen und Anwalt der Kirche-Kinder-Küche-Mentalität könnte er kennen, der die These vertritt: "Gut, daß Sie keine Kinder haben. Kollegen mit Kindern können sich nämlich nicht voll auf ihren Beruf konzentrieren."

Natürlich gibt es das alles. Es gibt das Komplott zwischen dem Herrn Studiendirektor und dem Herrn Lehrplanmacher, es gibt die Durchstecherei der Altgedienten, die ihr bequemes Leben nicht aufgeben möchten, es gibt Intrigen im Lehrerzimmer, Muffeleien ("Entschuldigen Sie, das ist mein Platz") und neurotische Ausbrüche, es gibt die Gemeinheit der Männer ("Kommt die Kollegin doch und will frei haben – nur weil ihre Tochter in den Kindergarten muß"), es gibt die Pauker unter den Lehrern ("Wer hat denn da wieder das Kalenderblatt abgerissen? Das ist meine Aufgabe, verdammt noch mal"), es gibt Schulen, wo, wenn nicht jeder, so doch jeder dritte nur an seinen lukrativen Nebenjob denkt und nicht an den Unterricht, es gibt die Stufenfolge, die von der Unhöflichkeit ("Haben Sie etwas Flüssigkeit für den Photokopierapparat?" – "Dafür bin ich nicht zuständig") über die Borniertheit ("Die Frau ist verrückt, die macht sich ja Arbeit im Interesse der Schüler") bis zur niederträchtigen Provokation führt.

Auch das Gegeneinander von Schwarz und Weiß mag es hier und da geben: Die Idealistin kämpft gegen den Clan der Spezis, deren Direktor sich von der jungen Avantgardistin die Präparation für Stunden machen läßt, auf die eigentlich er, der Herr Rektor, sich vorbereiten sollte. Hier die Guten, die moderne Unterrichtsformen benutzen und dort die nach oben buckelnden Faulpelze aus dem Lager der Konservativen: Wer würde leugnen, daß es Schulen gibt, an denen zumal der Radikalenerlaß dazu benutzt wird, um demokratisches Bewußtsein als Aufsässigkeit zu denunzieren und autoritäres Gehabe, mit Trägheit gepaart, für korrekte Staatsbürgerlichkeit auszugeben?

Aber, so glaubhaft jeder Einzelzug auch ist, so plausibel das Modell erscheint (Denkmuster: Der Neuerer ist unbequem; der Unbequeme wird als Außenseiter gebrandmarkt; der gebrandmarkte Außenseiter ist ein Kommunist), so treffend hundert Einzelheiten sich ausnehmen ("Passen Sie auf, Herr Kollege, wollen wir wetten, die Dame wird hier nicht alt"), so absurd wirkt das Ganze: Wieder, einmal erwies sich, daß Mathematik eins und Kunst ein anderes ist – daß also, auf dem Feld der Literatur, die Addition von in sich stimmigen Einzelheiten noch längst kein Ganzes zu ergeben braucht... im Gegenteil, die Details können, wenn sie in undifferenzierter Häufung auftreten, einander eliminieren ... und das Resultat ist: Null.

So war’s auch hier: Das Lehrerzimmer wurde zur Schreckenskammer, in der einige in Kunstfiguren verwandelte Lehrer mit nimmermüdem Elan Schillersche und Shakespearesche Intrigen ersannen: finstere Gestalten, die im Stil des klassischen Dramas agierten. Da wurden Pädagogen zu elisabethanischen Komplott-Zubereitern, da sah sich die Feine und Reine auf der Bühne des Lehrerzimmers von den Ränkeschmieden und Totschlägern ("Kommen Sie nicht noch einmal unaufgefordert zum Stammtisch") zur Strecke gebracht: allein gelassen von aller Welt.

In einer kaufmännischen Berufsschule wurde Theater gespielt. Ein bißchen Shakespeare, ein bißchen Schiller, ein bißchen Hauptmann. Der Erfolg hielt sich in Grenzen. Die Komik war unfreiwillig. Momos