Das FTM hat schon einmal ein Stück selbst erfunden. "Teutonic Shock" hieß diese Revue, die sich mit der "Anatomie eines deutschen Gehirns" befaßte. Seziert wurden einige Kapitel deutscher Geschichte von Arminius bis zu Ludwig dem Zweiten. Aber auch sonst, wenn die Gruppe Ionesco spielte, Brecht, Beckett, Valentin, wurden das immer sehr eigene Stücke: ein FTM-Ionesco, Brecht nach Froscher, ein Beckett wie von Richard Lester, ein Valentin-Ritual. In diesen Produktionen war nie gleich viel über den Autor zu erfahren wie über das FTM: dessen sich ständig erweiternde Fähigkeiten, Theater zu spielen.

Geschichten von Freaks und Monstern: In "Valentin & Co" – nach "Unser Valentin" ein zweiter Versuch über Valentins. Texte – waren die Riesen und die Zwerge, die fetten Gnome und die schrillen Hexen mehr als nur ein formaler Gag. Zum erstenmal hat die FTM-Gruppe gewagt, ihre rituellen Theatermittel ganz ernst zu nehmen, nicht immer gleich in Publikumserheiterungen auszuweichen, so, als sei man in Gefahr, langweilig zu werden. In Valentins "Familiensorgen", einem halbabsurden Minidrama (1943 geschrieben), in dem sich vier Menschen in ständig wechselnden. Konstellationen gegenseitig bedrohen, ohne einen Grand zu nennen, haben die auf Stelzen stakenden Figuren das Bedrohliche und das Beklemmende von Valentin-Szenen erreicht. Assoziativ, über eine Horrorphantasie, ist das FTM zu etwas wie einer Interpretation gelangt.

Wer Froschers Theater des öfteren besucht, kann allmählich die Charakteristika dieses Theaters entdecken, die FTM-Spezifika, die sich immer wiederholen – das Verzerren, Erhöhen, Verformen, von Figuren: die Überdimensionierung und das Monströse; der artistische Umgang mit dem Körper und mit Gegenständen: eine Neigung zum Aktionstheater; eine Sprache, die sich gegen den natürlichen Rhythmus sträubt und nach ungewöhnlichen Ausdrucksformen sucht: ein stark expressives Sprechen; das Einbeziehen des Zuschauers, der nie in Rühe gelassen wird, in die Aufführung: ein offenes, ein aggressives Theater. Über solche Verfremdungen will das FTM dem Zuschauer ein Auge öffnen für das Ungewöhnliche, das sogenannte Anomale. Jeder Besuch im FTM ist gleichzeitig eine Lektion in Toleranz, die bis zum Ende einer jeden Vorstellung dauert. Ich habe im FTM noch nie eine Applausordnung gesehen. Das Spiel geht immer irgendwie weiter oder bleibt plötzlich stehen, provoziert das Publikum solange, bis der erste sich entschließt zu gehen. Erst wenn der letzte gegangen ist, ist die Vorstellung zu Ende.

Sieben Jahre schon dauert George Froschers Theaterexperiment, das keineswegs sein erster Versuch mit dem Theater ist. Erbscheins Leben ist ähnlich aufregend, besessen, chaotisch wie seine Kunst. Er ist kein Theatermann, der sein Leben erzählt wie ein Stationendrama. Das ist ein Leben wie aus einem Bildungsroman, in dem die Bewegung und die Reise zusammengehören mit der Entwicklung und der Erfahrung. Froscher hat eine Schauspielschule besucht und auch selbst einmal ein Schauspielstudio geleitet; er war Ballettmeister im Stadttheater und hat Tanzunterricht gegeben: er ging nach Amerika und hat mit Off-Off-Theatern gearbeitet, in Musicals als Chorus-Boy agiert, Schaufenster dekoriert, Bücher verkauft, die Anfänge des Living Theatre in New York erlebt; er war ein Jahr bei Planchon, hat sich als Bühnenbildner ausprobiert und war bei den Anfängen des Tübinger Zimmertheaters dabei. Auf seiner Theater-Odyssee war Froscher eines klar geworden: ein Theater ohne Theaterpädagogik macht keinen Sinn. So entwickelten sich denn aus Froschers Schauspielstudio 1970 die Anfänge des FTM. Erfahrungen hatte er jede Menge einzubringen. Unmittelbare Vorbilder, sagt er, gäbe es keine. Dennoch ist wohl ein ganzes Konglomerat von Eindrücken zum FTM-Stil verarbeitet worden. Das reicht von den LaMama-Truppen über Grotowski bis zum Bread-and-Puppet, der Mnouchkine und Eugenio Barba.

Begonnen hat das FTM mit einer (bereits sehr eigenwilligen) Collage der "Soldaten" von Lenz im Schwabinger Fäustlegarten, einer bayerischen Bierwirtschaft. Danach die erste feste Unterkunft war ein Zimmer in der Münzstraße, in Hofbräuhaus-Nähe.

Von der "Feierlichkeit" dieses Theaters und von "Turnerschweiß" war damals in der Presse noch die Rede. Doch sehr bald wurden die Aufführungen verglichen mit denen der großen Nachbarn: Siegesmeldungen für das FTM im Vergleichskampf mit den großen Bühnen. Nur Friedrich Luft ließ nicht ab zu wettern. "Schafft die Narren fort!" dröhnte er noch 1973, als die Gruppe in Berlin gastierte, in der "Welt". Aber das blieb ohnmächtige Rhetorik. 1973, nach dem Umzug in das Haidhausener Hinterhoftheater, hatten sich die Leute gefunden, die künftig die Entwicklung des FTM bestimmen konnten: Kurt Bildstein, Benno Ifland, Colin Gilder.

Kurt Bildstein ist der provokanteste, grellste, rücksichtsloseste Schauspieler der Gruppe. Er hat sich am tiefsten hineingewagt in das Monsterland des FTM. Colin Gilder ist der Athlet bei Froscher, ein perfektionsbesessener Artist. Benno Ifland spielt sich mutig zwischen die Fronten, – wagt sich am weitesten weg vom FTM, entwickelt eine große Sensibilität für Sprache und riskiert einen Blick nach innen. In diesem Chaos der Eindrücke und Interessen liegt das Arbeitsrezept Froschers. Das Chaos als Methode?