Von Benjamin Henrichs

Die Szene war denkwürdig: da unterhielten sich ein älterer, würdiger Herr und ein jüngerer, nicht ganz so würdiger, lächelten sich zu, waren artig zueinander und aufmerksam – Karl Carstens, Präsident des Deutschen Bundestages, und Christo, Künstler, berieten über Christos Projekt, den Berliner Reichstag zu verpacken. Nachher gab der Herr Präsident vor den Fernsehkameras eine kurze Erklärung ab: zurückhaltend, seine Meinung nicht verratend, aber doch voller Respekt und Verwunderung für Christo und Christos Arbeit. Wie immer die Entscheidung der Politiker ausgehen mag: wie man mit Christo verhandelte, auf seine Ideen zuhörend einging, das könnte beispielhaft sein für die Umgangsformen zwischen Politikern und Künstlern – beispielhaft auch für Fälle, wo nicht die Würde des Präsidentenamtes und der Weltruhm eines Künstlers zu weltläufigen Manieren zwingen.

Traurig, daß dies eine denkwürdige Szene war, keine selbstverständliche. Ihre demonstrative Harmonie und Toleranz täuscht: so ist’s in unserm Lande nicht der Brauch. Das Zusammentreffen von christlichen Politikern und Künstlern, schwierigen, kritischen Künstlern vor allem, vollzog sich bisher unter anderen Begleiterscheinungen: unter heftiger Entwicklung von Qualm, Krach und Gestank. Wer sich zurückerinnert an die mittlerweile dreißig Jahre bundesdeutscher Nachkriegsgeschichte und dabei versucht, das Verhältnis zwischen konservativer Partei und Künstlern und Intellektuellen zu beschreiben, dem fällt nur Niederdrückendes ein: außer bei gelegentlichen, feindseligen Zusammenstößen hat ein solches Verhältnis eigentlich nie existiert.

Schweigen und Schrei nach Zensur

Warum sich jetzt daran erinnern? Weil sich in der politischen Szenerie der Bundesrepublik eine -Umwälzung ankündigt, welche die alte, ewige Mesalliance zwischen Konservativen und Künstlern in unserem Staate akut betrifft: Es ist denkbar, daß die christlichen Parteien in den jahrzehntelang von Sozialdemokraten verwalteten Großstädten allmählich die politische Macht, und das hieße auch die kulturpolitische Macht, übernehmen. Sicher, der Wandel wird kein abrupter und totaler sein: die Situation von Frankfurt, wo die Amtszeit des vielumstrittenen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann (SPD) bis 1982 dauert, ungeachtet der neuen, absoluten CDU-Mehrheit im Stadtparlament, ist kein Einzelfall. Aber selbst wenn sie die sozialdemokratischen und freidemokratischen Kulturverweser auch nach Erdrutsch-Wahlen nicht sofort ablösen kann: Die CDU/CSU wird, allein schon ihrer Majorität in allen Etatentscheidungen wegen, viel stärker als bisher aktive Kulturpolitik treiben müssen. In fast allen Kulturmetropolen drohen demnächst Wahlen: 1978 in Hamburg und München, 1979 in Berlin, Bremen und Köln. Überall könnten sich die Machtverhältnisse zugunsten der CDU/CSU verändern. Jedes Wahlergebnis kann die kulturelle Szene der Großstädte von Grund auf verändern. Ist die christliche Partei auf diese Umwälzung vorbereitet? Es sieht nicht so aus – in der Kulturpolitik am allerwenigsten. Die Behauptung, daß es eine CDU-Kulturpolitik (abgesehen von der Schul- und Bildungspolitik) überhaupt nicht gibt, ist leider fast gar keine Übertreibung. Eine der großen Parteien unseres Landes hat zu einem der großen Themen unseres Landes fast nur Kleinmütiges und Kleinkariertes beizutragen.

Zu den angesehenen Minderheiten in unserem Staate gehörten Künstler und Intellektuelle nie – und die christlichen Parteien tragen hierfür die Hauptverantwortung. Man müßte zum Beweis gar nicht noch einmal an jenen doch eher hilflosen Wutausbruch des Kanzlers Ludwig Erhard gegen die "Pinscher" und "Uhus" erinnern, auch nicht an die rituellen Beschimpfungen aus Vilshofen, Sonthofen und Umgebung. Es gab schlimmere Affären: die inzwischen gottlob vergessene Aktion "Saubere Leinwand" zum Beispiel, in der sich etwa 150 Bundestagsabgeordnete unter Anführung von Adolf Süsterhenn (eines Kämpfers nicht nur für saubere Leinwände, sondern auch für die Todesstrafe) zu einem Anschlag auf das Grundgesetz zusammentaten: Der Artikel 5 sollte einen Zusatz erhalten, der Künstlern und Wissenschaftlern ausdrücklich die "Treue zur Verfassung" und die Wahrung der "sittlichen Ordnung" vorgeschrieben hätte. Fast vergessen auch ist der Mordanschlag der Berliner CDU, 1971, auf die damals noch nicht weltberühmte (also noch nicht sakrosankte) Schaubühne. Den Antrag, der Schaubühne die Subventionen zu streichen, begründete der Abgeordnete Lummer so: "Der totalitäre Geist, der in diesem Ensemble herrscht, ist jener Geist, der in der Sowjetunion dazu geführt hat, daß Solschenizyn verboten wird." Noch nicht vergessen sind die vandalistischen Aktionen von CDU-Parlamentariern gegen Plakate des Graphikers Klaus Staeck. Und ganz Gegenwart schließlich sind die Attacken der CDU/CSU allüberall auf die Kulturreferenten von der anderen Seite. Ob es um ein kommunales Kino geht oder ein historisches Museum oder auch nur um die Reise eines Kulturreferenten nach Moskau: ständig schlägt man Krach.

Nun ist Krachmachen gewiß eine der ehrenwerten Aufgaben jeder Opposition. Irritierend an dem CDU-Krach ist allein, mit welch ungefügen Instrumenten er produziert wird; wie kenntnisarm und wie verbissen in der Regel agiert wird; wie selten man einen Vorschlag hat, etwas zu verbessern, und wie oft die Forderung, etwas zu liquidieren. Krawalle, vor allem Krawalle sind die Erscheinungsform christ-demokratischer Kulturpolitik – und es scheint, als müßten diese Krawalle übertönen, daß man im Grunde wenig mitzuteilen hat. Das dumpfe Schweigen und der Schrei nach Zensur, Passivität und Destruktivität: das ist die Szenerie, wenn christliche Politiker über Kunst und Künstler befinden – natürlich nicht, wenn es um brave Mitglieder eines Symphonie-Orchesters oder Angestellte eines Opernhauses geht, fast immer aber, wenn es zur Kunst von Künstlern gehört, Anstoß zu erregen, Unruhe zu stiften, die bestehende Ordnung mit ihrer eigenen und unser aller Unordnung zu behelligen.