/ Von Christoph Bertram

Im Ost-West-Verhältnis stehen wir heute an einem kritischen Punkt. Allenthalben sind im Westen die Entspannungserwartungen der Entspannungsskepsis gewichen; je höher die Erwartungen waren, desto größer ist nun die Enttäuschung. Unvermeidlich ist die wachsende militärische Macht der Sowjetunion in unser Blickfeld gerückt – und die ungeheure wirtschaftliche Bürde, die der Kreml dem Sowjetvolk auflädt, um seine militärischen Machtpositionen auszubauen.

Freilich beruhen viele Darstellungen über das militärische Gleichgewicht zwischen Ost und West auf der subjektiven Bewertung, nicht nur auf objektiven Fakten. Vieles davon entzieht sich einer präzisen Beurteilung. Die Nato und der Warschauer Pakt sind in dem Viertel jahrhundert seit ihrer Gründung militärisch nicht zusammengestoßen, und die Sowjets und Amerikaner haben noch keinen einzigen Atomschuß aufeinander abgefeuert. Wir wissen daher nicht, wie die Militärapparate beider Seiten im Ernstfäll tatsächlich funktionieren würden. Jedem Urteil darüber haftet eine gewisse Beliebigkeit an.

Daraus erklären sich die Vielfalt der Lageeinschätzungen und die bitteren Fehden zwischen den verschiedenen Auswertern. Unlängst hat der amerikanische CIA zur Überprüfung der sowjetischen Stärkeziffern zwei verschiedene Teams zusammengestellt – ein Team A, das aus Geheimdienstprofis bestand, und ein Team B aus nichtamtlichen Fachleuten. Es konnte kaum überraschen, daß die Außenseiter – alle bekannt für ihr tiefes Mißtrauen gegenüber den Sowjets – zu dem Schluß gelangten, die Sowjetunion habe sowohl im strategisch-nuklearen Bereich wie auch in Europa bereits die volle militärische Überlegenheit erreicht. Kein Wunder auch, daß die Insider weit weniger alarmierende Schlüsse zogen, die sich zwanglos an ihre vorangegangenen Lagebeurteilungen anschlössen. Ähnliche Meinungsverschiedenheiten existieren auch in Europa.

Dies zeigt: Jegliche Beurteilung des Kräftegleichgewichts ist wenigstens teilweise subjektiv und relativ. Daraus aber folgt, daß absolute Äußerungen wie: "Die Sowjetunion hat die militärische Überlegenheit erreicht" weithin inhaltlos sind. Solche Behauptungen lassen sich an objektiven Maßstäben nicht nachprüfen; sie stammen mehr auf dem Zwerchfell: dem Reich der vorgefaßten Meinungen, Glaubenssätze und Instinkte.

Indessen kommt es nicht so sehr darauf an, den gegenwärtigen Stand des Ost-West-Kräftegleichgewichts bis auf die dritte Stelle hinters Komma auszurechnen. Darüber läßt sich trefflich streiten. Aber es gibt kaum Meinungsverschiedenheiten über die Richtung und die Dynamik der Entwicklung.

Die Dampfwalze rollt