Von Christel Hofmann

Die Tragödie einer unbegrenzten Elternschaft begann für das Ehepaar N. vor fast 25 Jahren. Damals bekam Frau N., schon Ende dreißig, als sie den Wunsch nach Kindern bereits aufgegeben hatte, Zwillinge – einen Jungen und ein Mädchen. Der Knabe, die Eltern nannten ihn Bubi, wurde mit einer Tetraplegie geboren. Seither läuft in der Familie N. am Morgen und am Abend dasselbe Ritual ab:

Herr N. betätigt den an der Küchentür aufgehängten Hampelmann. Frau N. benützt die entstandene Bewegung und Bubis Konzentration darauf, um einen vollen Breilöffel in Bubis staunend geöffneten Mund zu zielen. Bubi muß lachen und versprüht dabei einen Teil des Breis über. Brust und Schultern. Sobald er abgewischt hat, betätigt Herr N. erneut den Hampelmann, und Frau N. schiebt einen neuen Löffel nach. Lachen, abwischen, ziehen, füttern. Und so auch am Abend.

Bubis Zwillingsschwester, bislang zum Fütterungsvorgang noch nicht aktiv herangezogen, wischt und wäscht nach der Fütterung alle Breireste unaufgefordert fort. Danach verlassen sie und der Vater das Haus in getrennten Richtungen, obwohl ihre Arbeitsplätze nicht weit auseinanderliegen.

Alles dreht sich um Bubi

Nach dem Frühstück übernimmt die verwitwete Schwester von Frau N. Bubis Betreuung, während sich Frau N. dem Haushalt widmet. Bubi zeigt auf Kommando Händchen und Füßchen. Er ist in der Lage, den Ball, den die Tante ihm zwanzigmal in den Schoß wirft, zwanzigmal fortzuschleudern. Er bestimmt Anfang und Dauer und Ende des Spiels. Am Mittag füttert ihn die Tante – stehend, damit ihr Bubi den Teller nicht aus der Hand reißt. Da er alles Erreichbare in seiner Umgebung an sich heranzieht, weist seine Umgebung nichts Heranziehbares mehr auf. Manchmal, wenn die Tante an seiner Seite einnickt, zieht er sie an den Haaren und krallt sich in ihrer Frisur fest. Dann wird ihm ein "kleiner Anfall" unterstellt, ein schlechter Tag, der es erlaubt, die antikonvulsiven Präparate ein wenig höher zu dosieren als sonst.

Alle zwei Stunden werden Bubis Windeln gewechselt. Er meldet sich, sobald er voll oder naß ist, freilich erst danach. Zum Windeln wird Bubi von Mutter und Tante auf eine Matte auf dem Küchenfußboden gelegt. Mit allerlei Tricks hält ihn die Tante vom Aufsetzen ab, während seine Mutter Gummihosen und Windeln wechselt. Bis Bubi wieder in seinem Stuhl sitzt, ist eine halbe Stunde vergangen und seine Mutter in Schweiß gebadet. Frau N. kränkelt seit der Geburt der Zwillinge.