Der ehemalige amerikanische Außenminister sammelt weiter lukrative Jobs

Oh Henry, ob Henry, du hast ‚das Loch im Eimer‘ schnell gestopft", dichtete ein New Yorker Banker freihändig, als die Kunde von Kissingers neuesten Berufsplänen die Runde machte. Die drei Millionen Dollar, die ein großer Verlag für die Memoiren aus dem bewegten Leben des "amerikanischen Metternich" ausgeben wird, kamen wie gerufen, um nach dem Abschied aus dem State Department etwaige Einkommenslücken zu füllen.

Zu einem weiteren Beitrag zur Alterssicherung des verdienten Professors, Globalpolitikers, Flugzeugreisenden und Frauenhelden hat sich nunmehr die Chase Manhattan Bank entschlossen. Extra für Henry Kissinger hat das New Yorker Geldinstitut in seinem "internationalen Beirat" den neuen Stuhl eines stellvertretenden Vorsitzenden aufgestellt. Anfang nächsten Jahres, wenn der Boß der Royal Durch Petroleum Company, John H. Loudon, in den Ruhestand tritt, soll Kissinger dann Vorsitzender dieses Gremiums werden.

David Rockefeller, der Chairman der Chase, drückte seine "tiefe Befriedigung" darüber aus, daß "ein Mann dieses Formats und mit diesen Erfolgen seine beträchtlichen Erfahrungen der Chase zur Verfügung stellt". Wie hoch die Belohnung dafür ist, wollte David Rockefeller nicht sagen. Da aber nicht vergessen ist, wie Bruder Nelson, unter Ford Vizepräsident der USA, die Freundschaft und Loyalität Kissingers vor Jahren unerwartet mit einem fünfstelligen Dollargeschenk vergalt, darf man vermuten, daß David nicht weniger großzügig ist.

Wird Kissinger damit der neue "Außenminister" der Chase? Bleibt er uns damit als Star der Fernseh tagesschau erhalten? Sehen wir ihn demnächst in Kairo aus einem Jumbo-Jet "Chase 1" steigen, seinem Freund Sadat den Bruderkuß reichen und mit einem Koffer voller Geld winken? Wird das Wirtschaftsmagazin "Fortune" demnächst über eine von Kissinger initiierte monetäre Realpolitik nach dem Vorbild Bismarcks berichten?

Ganz so weit wird es wohl doch nicht kommen. Der durch Kissinger verstärkte Beirat tritt nämlich nur zweimal im Jahr zusammen. Von Zins und Zinseszins ist dabei sicher selten die Rede. Vielmehr tauschen die auf diesem Olymp versammelten Götter aus Industrie und Politik eher allgemeine Gedanken über politische und wirtschaftliche Entwicklungen aus.

Fast alle amerikanischen Großbanken versuchen, die Wirtschaftsgrößen dieser Welt mit der Mitgliedschaft in ähnlichen Gremien zu beehren, in denen sich bedeutende Männer vor allem gegenseitig ihre Bedeutung versichern. Obwohl nur an dritter Stelle unter den Großbanken dieser Welt, ist es der Chase dank der magischen Wirkung des Namens "Rockefeller" gelungen, ihrem 22köpfigen internationalen Beirat das Flair des Superexklusiven zu geben. Zu den illustren Figuren dieses Kreises mächtiger Männer gehören neben Super-Henry auch Fiat-Boß Agnelli, Schiffsmagnat Y. K. Pao, der indische Industriekönig Tata und der frühere US-Finanzminister Dillon. Für Bosch-Chef Merkle, der hier für Deutschland spricht, ist das sicher genau das richtige Publikum.